Das heutige Theater – so wird von seinen Verächtern argumentiert – berühre den Zuschauer kaum, er verlasse es unverändert, unbetroffen.

Da weiß der Hamburger Zuschauer Fritz Aden jedoch anderes zu berichten. Er besuchte eine Vorstellung von "Rameaus Neffen" und ging keineswegs unberührt und unverändert nach Hause. In der nüchtern-wissenschaftlichen Sprache eines Arztes hatte sich das Theatererlebnis wie folgt niedergeschlagen: "Eine zweimal drei Zentimeter große Schwellung der Kopfschwarte mit ebenso großer oberflächlicher Hautabschürfung in der Mitte des behaarten Kopfes."

Das hatte nicht mit ihrem Gesänge die Loreley, sondern O. E. Hasse mit seinem Geigenbogen getan.

Fritz Aden, 71, war gleich mehrerer Delikte schuldig geworden. Erstens: Er saß in Reihe eins. Zweitens: Er nahm daselbst eine Kopfhaltung ein, die bei Konzertbesuchen zwar gern als innere Versenkung betrachtet und gebilligt wird, beim Schauspiel jedoch den Eindruck erweckt, man sei eingeschlafen, folge den Bühnenvorgängen nicht mehr mit der nötigen angespannten Aufmerksamkeit.

O. E. Hasse jedenfalls deutete die Kopfhaltung so. Und da er "Rameaus Neffen" oft genug gespielt hat, um sein Publikum zu kennen, muß man ihm auch glauben, daß er weiß, was er sagte, wenn er auf einmal vermeinte, Schnarchlaute seien an sein Künstlerohr gedrungen. Jedenfalls begann er zu extemporieren, indem er an die Rampe trat, unvorgesehene Sätze ins Parkett schleuderte und danach den Geigenbogen auf den geneigten Kopf des Zuschauers sausen ließ.

Interessant an diesem Vorfall sind nicht so sehr die Deutungsschwierigkeiten, mit denen sich beide Parteien den Vorfall zu erklären suchten. Die Ursache dessen, was der Arzt als "Schwellung" attestierte, soll im Bewußtsein O. E. Hasses nur der Versuch gewesen sein, einen Schlummernden mittels sanften "Antippens" in die rauhe Bühnenwirklichkeit zurückzuholen.

Viel verstörender ist, daß in den nachträglichen Erklärungen nirgends von dem Grundrecht die Rede war, im Theater einschlafen zu dürfen (der sanftesten Form des Protests). So meinte der Geschlagene, seine Körperhaltung damit entschuldigen zu müssen, daß er sagte, er leide seit längerer Zeit unter einer Erkältung, die ihn zu einer derartigen Haltung nötige. Auch im Hinblick auf den Kunstcharakter des Abends fühlte er sich in die Verteidigung gedrängt: "Ich hörte aufmerksam zu – aber mit gesenktem Kopf. Schließlich brauche ich von dem Zweipersonenstück weniger, zu sehen als zu hören."