Wegen der drohenden Kriegsgefahr im Nahen Osten hat UN-Generalsekretär U Thant zum zweitenmal in zwei Wochen warnend seine Stimme erhoben. Am Montag erklärte er in Genf: "Ich befürchte, daß die Situation im Nahen Osten völlig außer Kontrolle gerät, wenn sich die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates nicht innerhalb von zwei Monaten oder etwas später über die Substanz einer Lösung im Rahmen der Resolution des Sicherheitsrates vom November 1967 verständigen."

In der Tat droht die Eskalation der Zwischenfälle und Brandreden, der Verteidigungsbemühungen und Kriegsvorbereitungen die Nahost-Gespräche der vier Großmächte in New York zu überholen. Mitte der vorigen Woche drang eine israelische Kommando-Einheit in das Obere Niltal vor, um eine elektrische Überlandleitung, eine Straßenbrücke und einen Brückendamm der Ägypter zu zerstören. Über den Erfolg des Unternehmens herrschte indessen Unklarheit. Journalisten, die an einem von Kairo arrangierten Informationsflug teilnahmen, konnten an den Objekten keine Schäden feststellen, Privatreisende indessen doch.

Während die Israelis als weitere Reaktion auf die ständige Verletzung der Waffenruhe ankündigten, sie würden ihre Befestigungsanlagen am Suezkanal ausbauen, hielt Staatspräsident Nasser vor Arbeitern in Heluan eine kriegerische Rede: Niemals würden die Araber die Besetzung ihres Territoriums hinnehmen. Sechzig Prozent der israelischen Verteidigungslinie am Ostufer des Kanals seien bereits zerstört. "Wir bereiten eine Angriffsstrategie vor, wie es sie 1967 nicht gab."

Teil dieser Strategie könnte eine Verstärkung der militärischen Zusammenarbeit an den israelischen Ostgrenzen sein: Am Wochenende reiste der syrische Staatspräsident Atassi zu Gesprächen mit Nasser nach Kairo; am Montag folgte König Hussein von Jordanien, der bisher beharrlich zur Mäßigung geraten hatte.

Seinem Land könnte es freilich ebenso ergehen wie dem Libanon, der sich bislang aus den arabisch-israelischen Händeln herauszuhalten suchte: Nach einer Reihe von Übergriffen beschloß die libanesische Armee, mit Härte gegen die palästinensischen Partisanen vorzugehen. Bei Wochenbeginn wurde im Südlibanon geschossen – von Arabern auf Araber.