Und dennoch, trotz seiner großen Bedeutung wird dem Deutschen Expressionismus heute nur wenig ernsthafte Beachtung geschenkt", stellte Hilton Kramer, einer der ingesehensten Kunstkritiker der New York Times, vor vier Wochen in einem längeren Beitrag fest, in dem er sich insbesondere mit der Kunst Ernst Ludwig Kirchners auseinandersetzte.

Zum Beweis seiner These, die keinen Sammler deutscher Expressionisten kalt lassen dürfte, wies er darauf hin, daß man die amerikanischen Kunstzeitschriften über Jahre zurückverfolgen könne, ohne auch nur einen einzigen wichtigen Aufsatz zu finden, der sich mit dem "Expressionist enterprise" befasse. Was insbesondere Kirchner angehe, so sei dieser seiner Meinung nach kein großer Künstler ("Kirchner is not, I think, a great artist") – zumindest nicht im Vergleich zu Munch, Kokoschka oder Beckmann.

Niemand dürfte den Aufsatz Kramers in der New York Times mit größerem Interesse und mit größerer Erregung gelesen haben als Leonard Hutschnecker, Mitinhaber der Hutton Galleries in New York. Hutschnecker ist dafür bekannt, daß er sich seit Jahrzehnten in Amerika für die Anerkennung der "Brücke" und der "Blaue-Reiter"-Gruppe eingesetzt und sein Vermögen dafür aufs Spiel gesetzt hat.

Der New-York-Times-Aufsatz muß in den Hutton Galleries auf der Madison Avenue wie eine Bombe eingeschlagen sein. Er hätte wahnaftig zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt erscheinen können. Drei Tage später nämlich sollte die Malerei des Deutschen Expressionismus dem ersten bedeutenden Markttest in der Geschichte des amerikanischen Kunstauktionshandels ausgesetzt werden.

Leonard Hutton-Hutschnecker hatte sich entschlossen, einen größeren Teil seines in Jahren angesammelten Bestandes an zum Teil bedeutenden Werken des Deutschen Expressionismus auf die Auktion bei Parke-Bernet, dem größten amerikanischen Auktionshaus, zu geben, um mit dem Erlös den Ausbau einer neuen, größeren Galerie zu finanzieren. Es waren nicht weniger als 72 Plastiken, Handzeichnungen und Ölbilder, von denen er sich auf einen Schlag trennen wollte – offensichtlich in der Annahme, daß der Zeitpunkt günstig gewählt sei.

In einem Schreiben an den Präsidenten von Parke-Bernet begründete Leonard Hutton ausführlich, warum er sich zu diesem Schritt entschloß. In Kreisen des amerikanischen Kunsthandels – und nicht nur dort – zeigte man sich darüber verwundert, daß dieses Schreiben im Auktionskatalog faksimiliert abgedruckt wurde. Es entstand der peinliche Eindruck, als ob sich Hutton für seinen Verkauf auf einer Auktion "entschuldigen" wollte.

Tatsächlich dürften nicht nur Hutton, sondern mit ihm viele seiner Kunden und Sammler (Deutscher Expressionisten) der Auktion vom 9. April mit Herzklopfen entgegengesehen haben. Würde der New Yorker Markt das große, einseitige Angebot überhaupt "verkraften" könnnen?