Wie Hitler vor 1958 das Auswärtige Amt mißbrauchte

Von Waldemar Besson

Hans-Adolf Jacobsen: "Nationalsozialistische Außenpolitik 1933–1938"; Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am Main, 1968; 944 Seiten, 98,– DM.

Ich wüßte kein Buch zu nennen, in dem seit dem

Band über die Machtergreifung Hitlers von Bracher, Sauer und Schulz in ähnlich profunder Weise ein zentraler Gegenstand der deutschen Zeitgeschichte behandelt worden wäre wie in Jacobsens "Nationalsozialistischer Außenpolitik". Dieses neue Werk wird Forschung und Lehre noch lange Zeit bestimmen. Dabei ist es kein Einwand, wenn man feststellt, daß es wohl kaum je in einem Zuge gelesen werden wird. Denn die Darstellung ist breit und detailliert, vielleicht auch zu umständlich in der Reflexion ihrer eigenen Methode, ohne daß damit behauptet werden soll, es ergebe sich kein Gesamtbild. Ganz im Gegenteil, es ist nicht das geringste Verdienst des Autors, daß er am Ende präzis formulierte Ergebnisse vorweist und auch der allgemeineren Deutung des Nationalsozialismus neue Akzente hinzufügt. Es wäre ohnehin töricht, ein wissenschaftliches Buch, in das Jahre intensivster Archivarbeit eingegangen sind, mit den Maßstäben eines historischen Essays zu beurteilen. Jacobsens Standardwerk ist das Entzücken aller Fachleute gewiß. Dem breiteren Publikum macht er das Eindringen in seinen Stoff nicht leicht. Wer es aber wagt, wird es nicht bereuen.

Die Originalität des Verfassers, seit kurzem Inhaber des zweiten politologischen Lehrstuhls an der Universität Bonn, zeigt sich schon in Ansatz und Disposition. Ein erster Hauptteil handelt von den Organisationen und Institutionen, mit denen Hitler seine Außenpolitik betrieb. Es sind deren fünf, die jede für sich, aber auch im Wechselspiel vorgestellt werden. Am knappsten ist die Skizze über das Auswärtige Amt unter Neurath, dessen starke Traditionen und eingespielte Verfahren Hitler vorfand, für dessen Aufbau und Funktionieren der Verfasser aber auf andere Publikationen verweist. Bis 1938 hatte es in erster Linie abzuschirmen und die Tiefe des revolutionären Bruchs von 1933 nach außen zu vertuschen. Es galt, zur Beruhigung der internationalen Partner des Reiches, die Kontinuität der revisionistischen, gegen Versailles gerichteten Zielsetzungen der deutschen Außenpolitik zu betonen. Deswegen erläuterte die Wilhelmstraße Hitlers "Friedenspolitik", solange die inneren Voraussetzungen der späteren Expansion noch nicht geschaffen waren. Die Tragik derer, die sich später als die Verratenen fühlen mußten, ist dem Verfasser nicht fremd.

Schon diese Interpretation der Rolle des Auswärtigen Amtes läßt aufhorchen. Denn Jacobsen macht Schluß mit der weitverbreiteten These, es habe zwei voneinander klar zu trennende Phasen eines gleichsam vernünftigen Nationalsozialismus bis 1938 und eines irrational gewalttätigen danach gegeben. Der Verfasser sieht vielmehr ein "Gesamtkonzept" nationalsozialistischer Außenpolitik, das, ideologisch motiviert, taktisch zunächst auch mit den realen Gegebenheiten rechnend, auf nicht mehr und nicht weniger zielte als auf die rassische Neugestaltung des europäischen Kontinents.