Bericht über den Einbruch des Verbrechens in eine Familie

Von Rolv Heuer

Martin Wagner, 42 Jahre, war Architekt und Statiker mit Erfolg und Vermögen. Seiner angesehenen Familie entstammten ein Theologieprofessor und ein Propst. 1959 baute Wagner sich ein Haus, das heute eine halbe Million wert ist. Zwei Jahre später heiratete er – eine sehr junge, sehr hübsche Frau, die ihm bald zwei Söhne gebar. Das Glück schien vollkommen. Aber am 4. Februar dieses Jahres wurde Martin Wagner von seinem Schwager Willi Geiß und dessen Komplizen Willi Storck erschlagen. Die Täter, die zur Zeit noch in Untersuchungshaft sind, erbeuteten fünfzig Mark und einige Scheine österreichischer Währung. Um diesen "Raubmord" zu verstehen, muß man seine Vorgeschichte kennen. Und sein Nachspiel.

Martin und Hanni Wagner waren ein ungleiches Paar. Hanni stammt aus einer armen Familie. Sie arbeitete als Lehrling bei einem Architekten, als sie Martin kennenlernte. Der Diplom-Ingenieur wird ihr Märchenprinz. Er ist die Persönlichkeit, sie das Persönchen: Hanni merkt, daß es ihr nicht gelingen kann, in dieser Ehe die bessere Hälfte zu spielen. Wie kompensiert man so einen psycho-sozialen Minderwertigkeitskomplex? Hanni läßt sich hofieren. Ihre Ansprüche werden so groß wie die Verhältnisse, aus denen sie stammt, klein sind. Hanni will ausgehen, reisen, feiern. Die Führung des Haushalts kümmert sie wenig – zumal Martin Wagner gerade beschließt, seine Ausgaben etwas einzuschränken, um auf einem seiner Grundstücke in Kreuznach ein Altenwohnheim zu bauen. Hanni scheint zu glauben, daß sich unter solchen Bedingungen das einzige Kapital, das sie hat (ihre Jugend, ihre Weiblichkeit, ihre Unbekümmertheit) schlecht verzinst. Nun will sie erst recht "das Leben jenießen". Martin Wagner gibt nach.

Im Keller seines Hauses hatte er sich einen Zeichenraum eingerichtet. Da er ihn nicht mehr braucht, stellte er ihn der ständig unter Platzmangel leidenden Technischen Hochschule zur Verfügung. Mit den Studenten, die dort arbeiten, veranstalteten die Wagners im April letzten Jahres eine Party. In dieser Nacht endet die siebenjährige Ehe der Wagners: Hanni beginnt mit dem norwegischen Studenten Rolf Scheel ein Verhältnis.

Auf dem Nullpunkt

Fünf Monate später bekommt der Fall Wagner die ersten dramatischen Akzente. Hanni ist auf dem moralischen Nullpunkt angekommen: Sie schluckt zwei Röhrchen Schlaftabletten. Glücklicherweise kommt Martin vorzeitig zurück, und das Hospital ist gleich gegenüber. Hanni gesteht dem Oberarzt den Ehebruch. Der schickt sie zur Psychiater. Ihm gelingt es, Hannis gebrochene Seele mit "modernen Moralvorstellungen" zu schienen: Jeder Mensch hat ein Recht auf Liebe, man muß sich ausleben, heute ist man doch freier. Hanni tankt Mut, sie schreibt aus dem Hospital an Martin und gesteht alles.