Von Victor Zorza

Die Russen reden jetzt offen von der Möglichkeit eines Krieges mit China – offener jedenfalls als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt und viel direkter als selbst während der Zusammenstöße am Ussuri vor zwei Monaten. Irgend etwas muß geschehen sein, das die "Prawda" veranlaßt hat, diese düsteren Befürchtungen ans Licht zu bringen. Hat der Kreml Von neuen unmittelbaren Bedrohungen Kenntnis erhalten oder hat er sich aus rein propagandistischen Beweggründen auf die kriegerische Linie verlegt?

Niemand weiß, welche neuen Informationen dem sowjetischen Generalstab über militärische Vorbereitungen der Chinesen zugegangen sind. Man weiß lediglich, daß die Schießereien am Ussuri die Russen veranlaßt haben, ihre Streitkräfte im Grenzgebiet zu verstärken; das läßt darauf schließen, daß die Chinesen dasselbe getan haben.

Auf den ersten Blick würde diese Verstärkung kaum ausreichen, um das Gerede vom Krieg zu rechtfertigen. Indessen ist seit der Ussuri-Krise noch etwas anderes geschehen: Der chinesische Parteikongreß begann kurz nach dem Konflikt und führte – wie die sowjetische Presse berichtet – zu einem Machtkampf. Zwei Wochen lang hörte sich der Kongreß Reden an; über eine Woche brauchte er danach, um die neue Führung zu wählen. In dieser letzten Phase hat sich nach sowjetischer Ansicht der eigentliche Kampf abgespielt. Hätte es keine Schwierigkeiten gegeben, so lautet das Moskauer, Argument, dann wären die Wahlen viel früher abgeschlossen worden.

Der Kreml verhielt sich in der Tat so, als ob er der Ansicht gewesen sei, daß ein Machtkampf ausgetragen werde. Unmittelbar nach den Schießereien am Ussuri und noch in den ersten beiden Wochen des Parteikongresses führten die Sowjets über Dutzende von Radio-Sendern eine massive Propaganda-Offensive gegen die Grenz-Provokationen sowie gegen die gesamte Innen- und Außenpolitik der Pekinger Führung. Als jedoch die Wahlen auf dem Parteitag begannen, wechselte Moskau abrupt den Ton. Statt rund einem Dutzend Kommentare täglich wurden jetzt nur noch ein oder zwei ausgestrahlt; diese beschworen die chinesisch-sowjetische Freundschaft der Vergangenheit und ließen zuweilen sogar Optimismus über die künftigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern durchscheinen. Sogar die Bezugnahmen auf die "Mao Tse-tung Clique" wurden selten.

Dies deutet darauf hin, daß der Kreml Informationen besaß, wonach die Kongreßwahlen tatsächlich einen Kampf um die Macht verbargen – um die Männer, aber auch um die Politik der Zukunft. Das hatte ganz den Anschein, als wollten die Sowjets den Ausgang der Wahlen durch ihre Propaganda beeinflussen. Propaganda und Waffenstillstand hielten jedoch nun genau eine Woche an. Sobald das Wahlergebnis bekannt wurde, kehrte der Kreml ebenso plötzlich zu seiner alten Linie zurück, wie er sie verlassen hatte. Die Hoffnung, daß die "Friedensgruppe" in Peking obsiegen werde oder daß die Drosselung der feindseligen sowjetischen Propaganda ihr zum Sieg verhelfen könne, hatte offensichtlich getrogen.

Am bemerkenswertesten unter den neuen sowjetischen Angriffen auf Peking ist eine Artikelserie der "Prawda", die auch über Funk nach China ausgestrahlt wird, worin die Kriegsgefahr abgeschätzt und als höchst real hingestellt wird. Der Verfasser dieser Serie ist der bekannte Schriftsteller Konstantin Simonow. Er hatte den Ussuri einen Monat nach den Zusammenstößen besucht, seine Artikel aber erst jetzt veröffentlicht. Was an ihnen politisch bedeutsam ist, sind nicht so sehr die Landschaftsbeschreibungen, sondern die "vielen Gedanken", die ihm seine Reise eingegeben hat. Politisch bedeutsam sind sie, weil kein sowjetischer Schriftsteller, auch nicht vom Range Simonows, irgendwelche "Gedanken" über so heikle Dinge veröffentlichen würde, wenn sie nicht vorher mit den Machthabern abgestimmt und von ihnen gebilligt worden wären.