Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Die Heime sind voll von Kindern, die keiner will", berichten Eltern, die sich ein Adoptivkind aus einem Heim geholt haben.

"Wir verfügen über wesentlich mehr Anträge auf Adoption als über adoptionsfähige Kinder", sagen die Sachbearbeiter der Jugendämter im ganzen Bundesgebiet.

Widersprüche? Übertreibungen? Mißverständnisse? Beides stimmt, und Eltern, die oft monatelang warten müssen, ehe sie den Kontakt zu einem eventuellen Adoptivkind aufnehmen können, sind meist erschüttert und betroffen über das, was sie in den Heimen so am Rande miterleben. Da erleben sie typische Heimschäden in allen Spielarten: Kinder, die nur zu gut wissen, daß sie auf Abruf leben; Kinder, die die fremden Ehepaare auf den Fluren anhalten und verlangend fragen: "Nimmste mich?", Kinder, deren Kontaktschwäche sich in hysterischem Schreien Ausdruck verschafft; Kinder, die mit einem Jahr noch nicht sitzen und kaum den Kopf heben können.

"Mit drei Jahren", schreibt Wolfgang Steinbrecht, Adoptivvater aus Hannover, "können Heimkinder so gut wie noch nicht sprechen. Sie verständigen sich durch Stammeln und sind zu anspruchsvolleren, die Phantasie schulenden Spielen unfähig. In Kinderheimen aufgewachsene Kinder werden im Schnitt zur Hälfte Volksschüler, zur Hälfte Hilfsschüler. Oberschüler stellen sie nicht. Man muß gesehen haben, wie das Zurückbleiben der Heimkinder hinter den Altersgenossen im Familienmilieu mit jedem Lebensjahr unüberbrückbarer wird." Das weckt die "Empörung, wie hier mit stillschweigender Billigung der Gesellschaft, des Gesetzgebers und der Kirchen Menschen zugrunde gerichtet werden. Es liegt nicht am Pflegepersonal der Heime, das sich mit Aufopferung und Liebe um diese Kinder kümmert. Die Misere liegt in der Gruppenbetreuung, die gerade dem Kleinkind die für seine Entwicklung unerläßliche individuelle Liebe und Betreuung vorenthalten muß."

Aber warum müssen Kinder überhaupt so lange in Heimen bleiben? Es gibt doch genug Menschen, die ein Kind annehmen wollen.

Der Grund für diese Misere: der Gesetzgeber und seine ehrbar-altertümliche Idee von der Mutter. Der in Deutschland geltenden Rechtsauffassung zufolge muß eine Mutter vor allem Mutterliebe spüren; Stimme und Bande des Blutes sind lauter und stärker als Vernunft. Mütter sind heilig.