Die letzte Krise war eben abgeklungen, da drohte der Labour Party bei Wochenbeginn bereits eine neue Zerreißprobe: Der Minister für soziale Sicherheit, Richard Crossman, kündigte an, daß sich die Kosten des Nationalen Gesundheitsdienstes für Brillen und Zahnersatz um 25 Prozent erhöhen würden. Bei den bis Sonnabend laufenden Kommunal- und Distrikts wählen zeichnete sich zudem eine neue schwere Niederlage der Regierungspartei ab.

Vorige Woche hatte es sogar so ausgesehen, als würde Parteichef und Premierminister Wilson über kurz oder lang einer parteiinternen Revolte, wenn nicht gar einer Verschwörung seines eigenen Kabinetts zum Opfer fallen. Ursache des Streits war die umstrittene Anti-Streik-Gesetzgebung, mit der die Regierung nicht nur den Widerstand der Gewerkschaften, sondern auch den Unmut des linken Labour-Flügels herausgefordert hatte. Den Hintergrund bildete die Furcht der glücklosen Labour-Leute vor einem Desaster bei den Unterhauswahlen im übernächsten Jahr.

Wilsons neuer Chef-Einpeitscher, Robert Mellish, redete der Fraktion zu Beginn der vorigen Woche denn auch sehr energisch ins Gewissen: Die Regierung werde das Parlament auflösen und schon jetzt Neuwahlen, ausschreiben, wenn sie das Streikgesetz nicht durchbringen könne; die Parteifreunde fühlten sich eher provoziert. Tags darauf, am 1. Mai, traten die Arbeiter der Londoner Docks, der Zeitungs- und Autoindustrie in einen wilden Streik gegen die geplante Gesetzgebung, 15 000 Arbeiter marschierten protestierend durch London.

Am Tag nach dem "Tag der Arbeit" summte London von Gerüchten über den bevorstehenden Sturz Wilsons, zumal sich die Währungsspekulation gegen das Pfund bedrohlich verstärkte. Als Nachfolger wurde am häufigsten Innenminister Callaghan genannt.

Weitere 24 Stunden später war der Spuk plötzlich verflogen: Auf einer Maikundgebung tat Wilson die Putschgerüchte mit einem scherzhaften Wortspiel ab, bekräftigte seine Führerschaft über Land und Labour und kündigte eine gewisse Kompromißbereitschaft in der Streikgesetzgebung an. Seine Minister reisten in die Provinz und priesen den Premier. Selbst Callaghan hob hervor, der Parteichef sei noch nie von einer kleinen Gruppe, sondern stets von der Gesamtpartei gewählt worden. Der jetzige heiße Harold Wilson.