Düsseldorf

Der Düsseldorfer Hermann Windeck, Juniorchef einer alteingesessenen Spedition, Mitte Dreißig, Junggeselle, versteht die Welt nicht mehr. Hatte der Unternehmer nicht alles seinem Geld und seiner kaufmännischen Phantasie mögliche unternommen, der sich so gern mit erlesenem Metropolenglanz umgebenden Nordrhein-Westfalen-Kapitale ein weiteres Juwel in die Krone zu flechten?

In der Tat, so war es: Nach dem Willen des diplomierten Kaufmanns sollen Düsseldorfs Hochzeitspaare die offizielle Fahrt ins amtlich und kirchlich beglaubigte Leben zu zweit fürderhin nicht unter einem guten Stern, noch gar in einem schlichten Taxi antreten, nein, "ein Wagen von wahrer Vornehmheit", so Windeck, "muß es sein – und da kommt natürlich nur ein Rolls-Royce in Frage".

Also machte er sich auf ins Heimatland jener teuren Gefährte, nach England, um dort die 39jährige Prunkkarosse eines Edelmanns zu kaufen. Der stolze Preis von rund 60 000 Mark schreckte den cleveren Mann vom Rhein ebensowenig wie das beachtliche Alter des Fahrzeugs, vielmehr deuchte es ihn gerade deshalb besonders geeignet zu sein für die künftige Verwendung als "Brautwagen".

Indes, auch ein Rolls-Royce, so nackt und bloß, was ist das schon in dieser Gegend, die von Millionären nur so wimmelt? Doch Windeck, ein Mann von sicherem Geschmack, wußte alsbald Rat: Das Prestigevehikel wurde nach Konsultation "erster Lackexperten" in ein unschuldvolles Weiß getaucht, der Fond des Wagens unter Mißachtung von Kosten und Mühen "einfach großartig" ausgestattet mit feinsten Stoffen und erlesenem Leder. Eine Stereoanlage wurde eingebaut – "wir denken an das Largo von Händel oder so was..." Dazu eine Sektbar: "Der Champus ist im Preis mit drin, dann fällt das Zahlen leichter."

Aber wie jeder traditionsbewußte Abendländer weiß, erschöpft sich wahrer Lebensstil nicht in technischen Spielereien. Da muß schon das Echte, Teure, Bleibende her: Gold. Und so erstrahlen denn die Kotflügel der achtzylindrigen Brautkutsche in reinstem Blattgold: "24 Karat, da staunen Sie aber, garantiert 24 Karat."

Über den Preis, den ein Hochzeitspaar zu zahlen hat für eine Fahrt in dieser Prunkkarosse, schweigt sich der Liebesspediteur genüßlich aus. Doch die heile Welt, in der glückliche Paare die ersten Kilometer des gemeinsamen Lebensweges in Windecks Luxusmobil zurücklegen, gar alsbald noch mit Windecks roten Möbelwagen ins eigene Reihenhäuschen umziehen, diese Welt ist nicht mehr. Der Romantik-Verkäufer hadert mit der Illusionsfabrik Fernsehen. Was er zuerst mit Macht in die Wege zu leiten sich abmühte, bundesweite Publicity auf den Mattscheiben der Nation, jetzt reut es ihn zutiefst. Da war das Kölner "Westdeutsche Fernsehen" zu einer Reportage angereist, für das er in langer Arbeit ein Manuskript "mit allem drin, was man über den Wagen und unsere Absichten wissen muß", verfaßt hatte. Nur, die rheinischen TV-Männer verschmähten es. "Unglaublich", entrüstete sich Windeck, "und die Bilder waren auch nicht gut." Nun setzte er seine ganzen Public-Relations-Hoffnungen in das Zweite Deutsche Fernsehen. Doch die Mainzer waren die schlimmsten.

Obwohl der Spediteur dem Reporter nicht nur ein dreiseitiges Manuskript zur gefälligen Veröffentlichung übergeben hatte, sondern auch das für die Aufnahmen verlangte Brautpaar flugs aus der Firma rekrutierte, wurde eine ironische Glosse über den Sentimenthändler draus, mit deren "Text der Unterzeichner und seine Geschäftsfreunde in keiner Weise einverstanden waren", schrieb er empört. Der letzte Satz sei gar "spitz ironisierend" gewesen, denn der Kommentator habe behauptet, auch und gerade im Zeitalter von Pille und Atombombe, von Raumfahrt und Massensterben gäben die Menschen ihr Geld am liebsten für ihre "kitschigen Illusionen" aus. Er will "die Sache unverzüglich den Anwälten übergeben". Und düster fragte der Prunckarossenvermieter den Journalisten des Mainzer Fernsehens: "Wissen Sie denn eigentlich, was Sie da zerstört haben?" Hans Werner Conen