Mit dem Führungswechsel im Weißen Hausund der Übernahme des Präsidentschaftsamtes durch den Republikaner Richard Nixon vor einem Vierteljahr hat sich die wirtschaftspolitische Landschaft in den Vereinigten Staaten grundlegend geändert. Nachdem sich die demokratische amerikanische Wirtschaftspolitik über ein Jahrzehnt im wesentlichen an den Vorstellungen und Lehrmeinungen der entscheidend durch den großen britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes beeinflußten Schule der sogenannten "New Economics" orientiert hat, läßt sich die republikanische Regierung in ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen stärker von Ideen leiten, wie sie insbesondere von den Wirtschaftswissenschaftlern vertreten werden, die an der Universität von Chicago lehren und forschen.

Die "Chicago-Schule", von der man in den Vereinigten Staaten spricht, weist deutliche Parallelen und Affinitäten zu der ordo-liberalen "Freiburger Schule" auf, die insbesondere mit dem Namen Walter Eucken verknüpft ist und der deutschen Wirtschaftspolitik, nach Kriegsende den Stempel aufgedrückt hat. Die Vertreter dieser Schulen messen, allgemein gesprochen, dem Staat eine geringere Rolle bei der Gestaltung und Beeinflussung des Wirtschaftsprozesses bei. Sie vertrauen statt dessen weit mehr auf die "selbstregulierenden" Kräfte des Marktes.

Professor Milton Friedman gilt als der führende Kopf der "Chicago-Schule". Sein Spezialgebiet ist das der Geld- und Kredittheorie. Er ist außerdem durch Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Konsumtheorie hervorgetreten und genießt sowohl in wissenschaftlichen wie auch wirtschaftspolitischen Kreisen Amerikas großes Ansehen. Zwar hat er der Versuchung widerstanden, ein wirtschaftspolitisches Amt in Washington zu übernehmen; er gilt aber als der inoffizielle Wirtschaftsberater Präsident Nixons. Seiner Stimme wird von der neuen amerikanischen Regierung großes Gewicht beigemessen.

Milton Friedman, der sich nicht zuletzt als Kolumnist, des amerikanischen Nachrichtenmagazins "Newsweek" einen Namen über die Grenzen seines Landes hinaus gemacht hat, ist einer der schärfsten Kritiker der Geld- und Kreditpolitik der amerikanischen Notenbank (Federal Reserve Bank), der er im wesentlichen die Schuld an der Inflationierung gibt, die der Nixon-Regierung – neben dem Vietnamkrieg – gegenwärtig das größte Kopfzerbrechen bereitet.

Auf Einladung des amerikanischen Brokerhauses Bache & Co. hat Professor Milton Friedman kürzlich vor dem "Bache Institutional Seminar" in Genf zu aktuellen Problemen der amerikanischen Wirtschaftspolitik gesprochen und bei der Gelegenheit einige aufsehenerregende Thesen vertreten. So behauptete er unter anderem, von einem Zahlungsbilanzproblem der Vereinigten Staaten und der Gefahr einer Dollar-Krise könne entgegen weitverbreiteter Annahme keine Rede sein – aus dem einfachen Grunde, weil das Währungssystem der westlichen Welt faktisch ein Dollar-System sei.

Wenn es den europäischen Notenbanken einfallen sollte, in größerem Umfange von ihrem Recht Gebrauch zu machen, Dollars gegen Gold einzutauschen, so werde man ihnen in Washington schon klarmachen, daß sie es besser bleiben ließen. Und wenn das nichts helfe, dann werde man eben das Schalterfenster herunterziehen ("we close the window"). Den Vereinigten Staaten könne auf diese Weise nichts passieren, weil der Goldstandard praktisch durch den Dollarstandard abgelöst worden sei.

Unser Redaktionsmitglied Willi Bongard hat in Genf ein Gespräch mit Milton Friedman geführt, das seinen Standpunkt zu wichtigen Fragen sowohl der amerikanischen als auch der deutschen und internationalen Wirtschafts- und Währungssituation deutlich werden läßt. D. Z.