Peter Schneider, unter den jungen deutschen Literaturkritikern einer der unruhigsten und gescheitesten, bis er diese allerdings fragwürdige Beschäftigung leid bekam, sich in die ideologische Arbeit für die APO zurückzog und der übrigen Öffentlichkeit erst wieder in Erinnerung brachte, als er – etwas verspätet, denn gemeint war sein früheres Ich – vor einigen Wochen einen der Berliner Kunstpreise entgegennahm und dabei im Charlottenburger Schloß ein kleines Saalgemenge auslöste ("Kohlen her!") – Peter Schneider steuerte zu dem neuesten Heft des Kursbuches nicht nur eine Beilage auf braunem Packpapier bei, in der er den Künstlern die Wahl zwischen agitatorischer und propagandistischer Kunst übrigläßt, sondern auch einen längeren und jedenfalls sehr bedenkenswerten Aufsatz über die Verstümmelungen des Menschen, der die Phantasie für die Weltrevolution mobilisieren will. "In der gegenwärtigen Phase ... kann der Musikunterricht der Massen nur in ihrer Erziehung zur Revolution bestehen." Denn das Kapital habe sämtliche menschlichen Fähigkeiten und Sinne so depraviert, daß zunächst die Revolution gemacht werden müsse, ehe man sich über irgendwelche Partikulartätigkeiten weiter unterhalten könne.

Und die politisch-ökonomische Revolution, die Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, reiche nicht aus; über sie hinaus sei jene Bewußtseins-, jene Kulturrevolution nötig, die den Menschen erst tauglich mache für das neue Reich des Sozialismus.

In dieser Allgemeinheit hat man es oft gehört. Meist vermißte man dabei spezifizierte Auskünfte über den Zustand nach der Revolution, jedenfalls dann, wenn man zu jenen "Gespenstern der alten Welt" gehörte, denen Worte wie "Emanzipation" noch nicht alles sagen.

Peter Schneider aber nun gibt auch Stichworte zu dem Zustand, der sich nach der Kulturrevolution einstellen soll: "Sie schließt nicht nur eine Aufhebung des Kapitalverhältnisses, sondern die Revolution aller Verhältnisse ein, in denen der Mensch zur Ware und die Ware zum Subjekt geworden ist ... Die Revolution sagt: jeder Mensch hat das Recht auf ein eigenes Zimmer in seiner Stadt, die Kulturrevolution: jeder Mensch hat das Recht auf jedes Zimmer in jeder Stadt. Die Revolution: alle Menschen sollen essen und wenig arbeiten, die Kulturrevolution: im Namen welcher Bedürfnisse? Die Revolution: schaffen wir solche Verhältnisse, daß jeder Anteil am Werk Picassos und Picasso jeder werden kann ... Straßen zu konstruieren, die nicht mehr dem Warenverkehr, sondern dem Austausch der menschlichen Wünsche und Widersprüche dienen, dazu gehört Kunst. Großstadtlichter zu erfinden, die nicht die Leidenschaften von Osram, Siemens, Telefunken ausdrücken, sondern die der Städtebewohner, dazu gehört Kunst. Überhaupt Verhältnisse zu schaffen, in denen sich statt der gespenstischen Gleichheit der Menschen und Sachen im Kapitalismus endlich die menschliche Ungleichheit entfalten kann..."

Und da stellt sich einem wie mir dann wieder einmal die Frage, wo die nötige projektierende Phantasie in versponnene Träumerei umschlägt; und wie eine solche Träumerei, einen politischen Anspruch anmelden will.

Es ist eine Sache, vom totalen Menschen zu träumen, der sich unentfremdet und voll entfaltet als Freier anderen freien Individuen assoziiert, sich in schöpferischer Muße mit allen Sinnen die Dinge der Welt aneignet, ohne sie besitzen zu wollen, von einer Welt, in der an Freundlichkeit kein Mangel herrscht.

Es ist eine andere Sache, dem Kapital sämtliche Schuld an aller Fratzenhaftigkeit des Lebens zu geben und sich, den bisherigen Erfahrungen mit der Verwirklichung des Sozialismus zum Trotz, von der Revolution nicht nur bestimmte Lösungen, sondern die Erlösung zu versprechen.