Von Manfred Windfuhr

Professor Dr. Manfred Windfuhr ist Ordinarius für Neuere Germanistik in Düsseldorf und Leiter der Düsseldorfer Heine-Ausgabe.

Seit kurzem ist in westdeutschen Zeitungen von einer beginnenden Heine-Renaissance die Rede. Die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine und andere Blätter äußerten sich in diesem Sinne. Jetzt folgt auch die ZEIT mit einigen gleichgerichteten Ansätzen. (Sie knüpft damit übrigens an sich selbst an; denn schon in der ZEIT vom 4. 9. 1959 schrieb Petra Kipphoff einen vorzüglichen und mutigen Artikel über den damaligen Stand der Heine-Angelegenheiten unter dem Titel "Heinrich Heine und keine Folgen".) Nach der langen Durststrecke für den ebenso bedeutenden wie verkannten Dichter ist dieser einsetzende Wechsel der öffentlichen Ansichten erfreulich.

Arno Reinfranks Essay "Manche lieben Heinrich Heine" (ZEIT vom 25. 4. 1969.) hat zweifellos nichts anderes im Sinn, als den literarisch Interessierten über den neuesten Stand der Dinge zu informieren und dabei provinzielle Rückstände der alten Heine-Gegnerschaft geschickt und witzig aus dem Weg zu räumen, etwa die törichten Widerstände gegen die Benennung der Universität Düsseldorf nach Heine. Dabei stolpert der Verfasser allerdings über selbstangelegte Zahlenkombinationen, außerdem werden durch einseitige Informationen die Perspektiven doch verbogen.

Die Schocken-Sammlung in Paris, eine hochwichtige und interessante Handschriftenkollektion, ist nicht der "Nachlaß" Heines, wie der Anfang des Berichts nahelegt. Der liegt im Heine-Archiv Düsseldorf und heißt Sammlung Strauß. Und wenn neben den Umfangsangaben der Pariser Sammlung auch die entsprechenden Angaben über die Düsseldorfer Sammlung genannt worden wären, dann wäre deutlich geworden, daß der Bestand im Heine-Archiv doppelt so groß ist wie der Pariser. In Düsseldorf liegen 50 Prozent der bekannten Heine-Handschriften (gegenüber 25 Prozent in Paris). Zudem sind in Düsseldorf mehr Arbeitsmanuskripte vorhanden, die für die Forschung ungleich aufschlußreicher sind als Reinschriften. In Weimar wiederum liegen nur einige hundert Blatt Heine-Manuskripte. So nötig der Zugang zur Pariser Sammlung für die Heine-Editionen in Düsseldorf und Weimar ist – nach allen wissenschaftlichen Gepflogenheiten wird es hier wohl keine Schwierigkeiten geben –, die Relationen sollten von vornherein klar sein.

Die Sammlung Schocken ist von den damaligen Besitzern 1966 auch deutschen Interessenten zum Kauf angeboten worden. Der Vermittler war Hauswedell und die geforderte Summe 1,6 Millionen. Unsere privaten und öffentlichen Geldgeber waren zwar willig, aber der Föderalismus der Vergabepolitik funktionierte wieder einmal zu langsam. Die Franzosen kamen uns zwei Wochen zuvor und erhielten die Sammlung zu einem, wie man hört, niedrigeren Preis zugeschlagen. Seitdem bestehen Kontakte zwischen Düsseldorfer und Pariser Germanisten und Bibliothekaren, die mit der Zeit weiter ausgebaut werden sollen.

So zerrissen, wie Reinfrank meint, ist die Handschriftenlage also nicht. Viele Literaturwissenschaftler wären froh, wenn sie von ihrem Forschungsobjekt drei Viertel der handschriftlichen Überlieferung an zwei nicht so weit auseinander gelegenen Orten beisammen hätten.