Eberhard Schöler

Von Ulrich Kaiser

Der Mann, den man Europas Bollwerk gegen Asien nennt, ist eher schmächtig, blaß, still – einen "Stubenhocker-Typ" nannte ihn jemand in der Münchner Eissporthalle auf dem Oberwiesenfeld. Eberhard Schöler tut im Tischtennis das, was Judokämpfer zum Prinzip ihrer Leistungen machen: Er spielt mit der Kraft der Gegner und nutzt sie zu eigenem Vorteil. Sein Pingpong-Judo machte ihn während der letzten Apriltage bei den 30. Weltmeisterschaften der Tischtennisspieler zum populärsten deutschen Sportler, es wird dem Deutschen Tischtennisbund einige tausend Mitglieder zuführen und der Zubehörindustrie erkleckliche Umsatzsteigerungen einbringen. In Schleswig werden Schöler-Schläger hergestellt, in Berlin ist der Student der Betriebswissenschaften an einem Sportgeschäft beteiligt. "Sie können praktisch alles, was sie zum Tischtennis brauchen, von mir kaufen. Die Sache hier in München wird sich wahrscheinlich sehr gut auf die Geschäfte auswirken!"

Kann man davon leben? Schöler, der nur während des Wettkampfes eine Brille trägt ("Ich bekomme sonst Kopfschmerzen"), blinzelt ein wenig kurzsichtig, zieht knapp lächelnd die Mundwinkel nach unten: "Es reicht für uns!" Tischtennis ist eine der wenigen Sportarten, die nie olympische Ambitionen besaß. Es gibt weder Profis noch Amateure, sondern nur Spieler. Je nach Klasse kommen sie besser oder schlechter zurecht. Den schwedischen Doppelweltmeister Hans Aiser schätzt man auf 20 000 Mark im Monat.

Die Weltmeisterschaften in München, die mit den zweiten Plätzen der deutschen Herrenmannschaft und von Eberhard Schöler in der Einzelwertung so überaus erfolgreich für die Bundesrepublik verliefen, hatten mit jenen Caféhaus-Eskapaden der Jahrhundertwende nur noch sehr wenig gemein. Parallelen lassen sich auch kaum zu dem Jahr 1926 ziehen, als der heute in Buenos Aires lebende Berliner Jurist Dr. Georg Lehmann Initiator des Weltverbandes war, und schließlich auch nicht zu den ersten Weltmeisterschaften, mit denen ein Jahr später begonnen wurde.

Ein Rekord sei wegen seiner Kuriosität aus jener Zeit noch vermeldet: Der heute in Paris lebende Pole Alex Ehrlich und der Rumäne Farcas Paneth löffelten sich 1936 das Zelluloid-Ding zwei Stunden und zehn Minuten zu, wobei der Ball etwa 9000mal über das Netz flog. Ehrlich gelang dann der Punkt, und sein Gegner gab auf. Dieser Rekord kann nicht mehr angetastet werden, da man daraufhin eine Zeitregel einführte, die heute nach fünfzehn Minuten Spielzeit in einem Satz in Kraft tritt.

In der Bundesrepublik gibt es im Moment 5560 Vereine mit knapp 16 000 Mannschaften. Von der Bundesliga bis hinunter zur dritten Kreisklasse werden wöchentlich etwa 6000 Meisterschaftsspiele abgewickelt. Der Deutsche Tischtennisbund (DTTB) ist mit 250 000 Mitgliedern einer der stärksten Verbände im Deutschen Sportbund. Nicht gezählt sind dabei die grünen Platten, die auf Dachböden oder Kellerräumen zur schweißtreibenden Feierabendbeschäftigung nicht organisierter Pingponganhänger benutzt werden.