Dortmund

Die mageren Jahre begannen für den Dortmunder Karl O., als im Rezessionsjahr 1966 die Zeche, auf der er arbeitete, schloß. Arbeitsplätze waren Mangelware. Er ging stempeln. Drei Jahre lang, denn wo immer er um Arbeit nachfragte, wurde ihm beschieden, er sei zu alt. Karl O. war damals 53.

"Zu alt, zu alt! Manche sagten es mir nicht so direkt, gemeint haben sie aber alle dasselbe." Ähnlich erging es Friedhelm B. Der heute 39jährige gehörte, als ihm nach einem Betriebsunfall ein Bein amputiert werden mußte, ebenfalls zum "alten Eisen". Die Firma für Industrieabbruch, in der er nahezu zehn Jahre gearbeitet hatte, wollte oder konnte dem ehemaligen Brenner keine sitzende Beschäftigung bieten. "Ich hab’s versucht als Kranführer – untauglich, als Flaschenkontrolleur – untauglich. Die längste Zeit ging ich stempeln."

Seit zwei Monaten arbeiten Karl O. und Friedhelm B. und fünfzehn weitere Arbeitslose in der ersten GVB-Werkstätte in Dortmund. GVB steht für "Gesellschaft zur Verbesserung der Beschäftigtenstruktur". Diese Gesellschaft, die auf Grund einer gemeinsamen Initiative des Arbeits- und Sozialministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen, des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung, der Kirchen, des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau und der Heinrich-Industrie- und Handels AG gegründet wurde, will "mithelfen, arbeitslosen älteren Männern und Frauen (im Alter zwischen 45 und 60 Jahren), insbesondere auch den langfristig arbeitslosen Bergleuten im Ruhrgebiet, die auf Grund mancher Behinderungen nur schwer Arbeit finden, Arbeit zu verschaffen".

In der dritten Etage eines Fabrikgebäudes, von der Firma Hoesch kostenlos zur Verfügung gestellt, streicht Friedhelm B. die Sitzflächen von Aula-Stühlen, Karl O. arbeitet an einer Schleifmaschine. Die vorläufig noch kleine Belegschaft nimmt sich in der weiten. Halle verloren aus. Sobald Düsseldorf mehr Investitionsmittel flüssig machen kann, will man weitere Arbeitsplätze schaffen für insgesamt hundert Menschen.

Der Lohn für die relativ einfachen Montier- und Schlosserhilfsarbeiten, dies monieren vor allem diejenigen, die zuvor im Bergbau oder im Akkord gearbeitet haben, sei zu niedrig. Ein Bergmann, der als Hauer bis zu 1200 Mark monatlich verdiente und sich jetzt mit dem tariflichen Hilfsarbeiterlohn von 3,65 Mark pro Stunde begnügen muß: "Schon schlimm, Wenn die alten Kumpels in die Wirtschaft gehen und man sich selbst kein Bier leisten kann."

Die strukturell bedingte Arbeitslosigkeit trifft die Älteren härter als die Jüngeren. Sie sind weniger mobil, sind meist an ihren Wohnort gebunden und in einen Freundes- und Verwandtenkreis integriert. Eine lange, Anfahrtszeit zum Arbeitsplatz verbietet sich für sie schon aus gesundheitlichen Gründen. Da man sie also nur in den seltensten Fällen in ein anderes Wirtschaftsgebiet vermitteln kann, nach Ostwestfalen beispielsweise oder ins Bergische Land, dorthin, wo leichte Arbeitsplätze angeboten werden, sind die Initiatoren bei der Planung der GVB-Betriebe von der Überlegung ausgegangen, nicht den Menschen zu verpflanzen, sondern den Arbeitsplatz. Die zusätzlichen Kosten, die durch Transport, Verladung und Verpackung der Produkte entstehen, welche in den Betrieben montiert oder verformt werden, werden durch den fünfzigprozentigen Lohnzuschuß ausgeglichen, den die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung allen Unternehmern gewährt, die ältere Arbeitnehmer einstellen.