Von Paul Moor

Ein Darmkrebs hat meine einzige Schwester vor vier Jahren in Amerika getötet. Die letzten zwei Monate konnte ich selber erleben, wie das Geschwür langsam das Leben aus ihr hinausdrängte, ihren Körper Zelle für Zelle beschlagnahmte. Ich sah während dieser Zeit ihre Frage auf mich zukommen, ob man ihre Tortur nicht beenden sollte, damit sie endlich sterbe. Als sie schließlich kam, hatte ich mir schon manches überlegt. Hätte meine Schwester Mary Lou einen Mord begangen, hätte unsere amerikanische Gesellschaft ebensowenig gezögert, sie zum Tode zu verurteilen, wie dieselbe Gesellschaft es duldet, sogar verlangt, daß junge Amerikaner während jener bestimmten Zeit töten, in der sie eine Uniform tragen. Mary Lou aber hatte mehr gemeinsam mit Heiligen als mit Verbrechern, und so schlugen unsere Gesetze ihren Wunsch nach einem schnellen und würdigen Tod ab.

Bei ihr waren jeden Tag ihre Familie und Freunde, ihr fähiger, besorgter Chirurg und ein außerordentlich aufmerksames Krankenhauspersonal. Hatten wir alle tagelang nur herumgestanden und zugeschaut, während sich irgendein Tier langsam zu Tode quälte, ohne seine Qual durch einen coup de grâce zu beenden, hätten uns sicherlich empörte Tierfreunde angezeigt; aber die veralteten Gesetze von blinden, abergläubischen Menschenfreunden hatten meine Schwester zu einem Tode verdammt, den ich nicht dem gemeinsten Tier gewünscht hätte.

Während der vorletzten Periode, in der sie noch völlig klar denken konnte, hat sie mindestens dreimal indirekt um ihre Erlösung gebeten. Auch heute kann ich nicht sagen, was ich getan hätte, wenn sie mich direkt darum gebeten hätte; aber ich glaube, ich hätte versucht, ihr zu helfen – heimlich, natürlich, aber vollbewußt der damit verbundenen Fragen und Konsequenzen. Meine Liebe und mein Mitleid hätten mir keine Alternative gelassen, da sonst niemand anders ihr geholfen hätte.

Die moderne Medizin hat unsere Lebenserwartung in einem wahrhaftig alarmierenden Maße vergrößert, Ärzte, gierig nach neuen Rekorden, ermüdete Lungen am Atmen und erschöpfte Herzen am Schlagen zu halten, haben dem elementaren und unvermeidlichen Phänomen des Sterbens verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In Amerika wuchs das Durchschnittsalter zwischen 1900 und 1952 von 49 auf 69 Jahre, und Versicherungsexperten erwarten, daß es innerhalb dieser Generation 73 Jahre erreichen wird. Konsequent zum logischen Ende getrieben, werden die heute herrschenden medizinischen Prinzipien den natürlichen Tod gänzlich ausschalten, wir werden nur durch Unfall oder Selbstmord sterben. Das Leben heute ist eine Frage der Quantität, nicht der Qualität, geworden.

Amerikaner zeigen besonders starke Hemmungen, dem Tod kühl und objektiv ins Auge zu schauen; und in Deutschland hat man seit dem Dritten Reich legitime Gründe, der Frage der Euthanasie aus dem Wege zu gehen. Dem furchtsamen Leser wird wahrscheinlich vieles in diesem Bericht blasphemisch, arrogant, herzlos, anarchistisch und pathologisch vorkommen. Darauf kann ich nur erwidern, daß man zwangsläufig anders denkt, wenn man fast zwei Monate lang, bis 22 Stunden jeden Tag, in einem Krankenhauszimmer verbringt und nicht der Verlängerung des Lebens eines geliebten Menschen, sondern dem Hinausziehen seines Sterbens hilflos zusieht.

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