Von Marianne Kesting

Seit Samuel Becketts "Warten auf Godot" über die Bühnen ging, ist sich auch eine breitere Öffentlichkeit des ratlosen Zustandes bewußt geworden, daß es so etwas wie eine "Aktion im Leeren" gibt, die nicht mehr recht weiß, warum und wozu. Eingestandener- oder auch uneingestandenermaßen krankt man an dem Wegfall religiöser Ziele, für die die politischen nur so lange Ersatz bieten, als auch sie noch nicht einer vollständigen Desillusionierung anheimgefallen sind. Die Fragestellung wendet sich völlig ins Burleske, sobald einigen bewußt wird, daß man nicht nur vergeblich auf Godot, sondern auch vergeblich auf das politische Heil warten kann.

Slawomir Mrozek, bei uns bekannt geworden nicht zuletzt durch die Aktivität des Düsseldorfer Schauspielhauses, gehört zu den Dramatikern, die das sogenannte "Theater der Absurden" auf die Politik angewandt haben. Seine Parabel "Der Truthahn", die am Samstag im Düsseldorfer Schauspielhaus erstaufgeführt wurde, befaßt sich mit dem Zustande einer politischen Lethargie, die offenbar manchen angesichts des etablierten Sozialismus in ähnlicher Weise überfallen kann wie angesichts der industriegesteuerten Demokratie. Welches System hier eigentlich gemeint ist, bleibt unausgesprochen. Es tritt denn auch vorsichtshalber in Gestalt eines Herzogs im Biedermeierfrack auf, der händeringend nach einer staatlichen Zielsetzung sucht, um die Einwohner des Landes, die dem absoluten Nichtstun verfallen sind, zu irgendeiner Tätigkeit anzuspornen. Es ist ihm alles recht: ein ideales Staatsliebespaar, die ideale Dichtung oder die "allgemeine Entwicklung der Hygiene" – oder auch ein Krieg. Die Ziele sind austauschbar, da auch sie nur noch ihre Funktion als Rolle haben, also nicht mehr geglaubt werden.

Die Rollenhaftigkeit des Staates aber trifft natürlich auf Staatsbürger, die bereits, mangels allmein geglaubter Ziele, sich auf deren Ersatz kaprizieren. In einer verkommenen Kneipe, in der man sich gemeinschaftlich und solidarisch dem Nichtstun hingibt, haben alle ihre kleinen Rollen: ein Liebespaar spielt romantische Liebesszenen, die sich recht bald schon als ziemlich hohl erweisen; ein Dichter gibt sich, nicht ohne schauspielerische Attitüde, dem Nihilismus hin; eine ehemaliger Hauptmann versucht vergeblich, die Kunst des Violinspiels zu erlernen. Drei Bauern, die ebenfalls davon abgekommen sind, ihre Wiesen zu mähen und ihre Felder zu bebauen, bilden den dumpf kommentierenden "Chor" zum Geschehen: sie berichten, daß selbst der Truthahn, das Symbol des Stücks, von der allgemeinen Lustlosigkeit befallen ist und sich nicht mehr um seine Hennen kümmert.

Mrozek spielt die komödiantischen Momente aus, die sich aus dem Zusammentreffen dieser Figuren in der Dorfkneipe ergeben. Die Lösung des Stückes ist keine, wie es denn auch nicht anders sein kann: man besinnt sich schließlich darauf, daß der Herzog – immerhin – Pöstchen zu vergeben hat. Es kommt ein wenig Bewegung in die Sache. Sogar der Truthahn legt ein Ei, aber es ist – ein Kegel. Und man beschließt abzuwarten, was daraus wird.

Eine Parabel, schlicht ablesbar, ohne kafkaeske oder phantastische Momente, abhängig von der Grundsituation in Becketts "Godot", dessen komödiantisch-metaphysischer Tiefsinn allerdings ausgespart bleibt. Ja, Mrozek scheint in der Figur des Dichters Beckett selbst noch an den Kragen zu gehen, der, als Hauptfigur und "Motor" der allgemeinen Lethargie, die Sinnlosigkeit des Tuns den anderen "bewußt" macht, ihre Worte und somit schon eine Sinngebung in sich verleiht. Aber auch sein Nihilismus, über dessen Berechtigung schließlich Mrozek dieses Stück schrieb (?), ist innerhalb des Stückes eine Pose, die sogleich ad acta gelegt wird, sobald ein Frauenrock auftaucht oder ein Pöstchen winkt.

Eine Parabel über den Zustand einer Lähmung bedarf der besten komödiantischen Einfälle, des dichtesten Dialogs, denn wo "nichts mehr geschieht", muß besonders gut formuliert werden. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Mrozek, trotz mancher fulminant witziger Einfälle, sich es mit dem Dialog oft ein wenig leichtgemacht hatte: manch ein Kalauer erfreute das Publikum. Die Regie (Karl-Heinz Martell) hatte die zusätzliche Mühe, der gerade ein solches Stück bedarf, um zur Wirkung zu kommen, gespart; es war schlecht und recht inszeniert, und so gesellten sich zur Lähmung der geschilderten Situation einige zahmere Einfälle. Es stellte sich, wenngleich einige Rollen ganz vorzüglich besetzt waren (vor allem Otto Rouvel als Hauptmann und Wolfgang Reinbacher als Dichter) für das Stück nicht die Schlagkraft ein, die man immerhin aus Mrozeks Einfällen hätte entwickeln können. Schließlich hat man in Düsseldorf schon sehr wirkungsvolle und brilliante Mrozek-Inszenierungen gesehen: "Tango" (Regie: Erwin Axer) und "Die Propheten" (Regie: Karl Heinz Stroux).

Mrozek ist einer der wichtigen polnischen Dramatiker, aber da seine Stücke gerade nicht zum Alltäglichen gehören, wird er auch einer nicht alltäglichen Inszenierungskraft bedürfen. Zu denen, die sich von selbst spielen, gehört er nicht.