Mit 38 Jahren finanziell am Ende, abgesehen von Lohntariferhöhungen

Von Hans-Jürgen Usko

Dem 38jährigen Arbeiter Wolfgang Weissner aus Berlin-Spandau geht es nach eigener Aussage gut. Er gibt zu Protokoll, seit 15 Jahren mit Marianne Weissner, 34 Jahre alt, verheiratet zu sein, zwei Kinder, Gerhard und Rainer (15 und 14 Jahre alt) zu haben und eine elfjährige Pflegetochter; sie heißt Ute. Wolfgang Weissner ist 1,77 Meter groß, dunkles, volles Haar, Brille, fast faltenloses Gesicht.

Er ist Zweiter Bandführer bei Siemens. Er ist gemeinsam mit dem Ersten Bandführer dafür verantwortlich, daß in seiner Schicht pro Tag 240 Waschmaschinen, Typ Siwamat-K, Fassungsvermögen vier Kilogramm Trockenwäsche, einwandfrei und versandfertig montiert vom Fließband rollen. Im Akkord.

Wolfgang Weissner hat nur eine verschwommene Vorstellung von dem, was ich will. Nachdem ich es ihm erklärt habe, geht er in das Nebenzimmer, in dem seine Frau vor dem Fernsehgerät sitzt. Ich höre, wie er sagt, ich käme von einer Illustrierten aus Hamburg. Als beide ins Zimmer treten, sage ich, daß die ZEIT keine Illustrierte, sondern eine politische Wochenzeitung ist – eine Aufklärung, die auf den Gesichtern eher Enttäuschung hinterläßt. Dennoch haben Wolfgang Weissner und Frau Marianne nichts dagegen, über ihr Leben zu erzählen – über das Leben einer Arbeiterfamilie im Jahre 1969.

Das Zimmer, in dem wir sprechen, ist nicht die gute Stube in der 54 Quadratmeter großen Wohnung. Ich sitze auf einer gemusterten Eck-Couch, auf der nachts die beiden Söhne schlafen. Der Raum hat, schätzungsweise, 15 oder 16 Quadratmeter. Es ist ein ordentlicher Raum, adrett und freundlich. Zwischen Weissner und mir stehen inzwischen zwei Flaschen Bier, zwei aus jenem Kasten, den er sich pro Woche leistet. Aber, so schränkt er ein, selten trinke er diesen Kasten allein aus. Schnaps? Nie. Manchmal Wein.

Die Paradestube, in die wir umziehen, nachdem die Kinder dort bis acht Uhr ferngesehen haben, ist gleichzeitig Weissners Schlafzimmer. Er schläft auf einer neuen Ledercouch, für die kürzlich die letzten Raten bezahlt wurden. Frau Marianne schläft zusammen mit der elfjährigen Ute in dem dritten Zimmer der Wohnung – einem "halben Zimmer", wie im Mietvertrag steht. Zur Wohnung gehören weiter Küche, Bad und Flur mit einer kleinen Abseite. Wohnraum? Zehn Quadratmeter pro Person.