Unser Kritiker sah:

WOYZECK + LEONCE UND LENA

Eine Büchner-Collage von Willi Schmidt

Ruhrfestspielhaus in Rellinghausen

Was immer die Ruhrfestspiele waren, sind oder als umstrittene Gesamtkonzeption noch werden könnten, in einem Anspruch sind sie in dreiundzwanzig Jahren gleichgeblieben: Die Eigeninszenierungen wollen zu den Spitzenleistungen deutschen Theaters gezählt werden. Gleichzeitig gilt eine sozialkritische Komponente bei der Stückwahl als erwünscht.

Eindeutig aktualisieren wollte der Regisseur der zweiten diesjährigen Ruhrfestspiel-Inszenierung (über die nächste Woche berichtet werden soll). Harry Buckwitz erklärte, daß er Brechts Parabel "Der gute Mensch von Sezuan" aus der Idyllik des chinesischen Rahmens herauslösen wolle, um die "Aussage" "dem ideologischen Klima des Jahres 1969 anpassen" zu können: "Es ist ein Spiel der Verzweiflung."

"Spiel-Arten der Verzweiflung" nennt auch Willi Schmidt seine Bearbeitung von zwei Stücken Georg Büchners, womit die Ruhrfestspiele eröffnet wurden: die romantisch-ironische Komödie "Leonce und Lena" durchmengt mit Szenen aus dem tragischen Fragment "Woyzeck". Sie sollen "sich wechselseitig erhellen und motivisch durchdringen". Das Gemeinsame und trotz verschiedener Werkgattungen Vereinbare sieht Schmidt in der hoffnungslosen Einsamkeit besonders der Hauptfiguren: "Leonce und Woyzeck, beide, versuchen auf ihre Weise mit Hilfe der Liebe die Entfremdung zu überwinden, der Prinz zynisch... der Untertan erbarmungswürdig preisgegeben seiner Treue, die ihn zum Mord treibt, als er sie betrogen sieht." Woraus Schmidt folgert: "Die Liebe wird als romantische Illusion grausam entlarvt."