So könnten Theoretiker doch noch so etwas wie ein gemeinsames Thema für die beiden Eigeninszenierungen der diesjährigen Ruhrfestspiele eruieren. Just an der Theorie ist aber bereits der erste Abend gescheitert. Was Willi Schmidt vorschwebte, wurde als Textkombination möglich, weil dieser Regisseur in erster Linie auf seine ursprünglichen Fähigkeiten als Bühnenbildner vertraute. In eine tiefe Kastenbühne, deren Wände bald transparent sein, bald als Projektionsflächen dienen konnten, stellte er ein zweistöckig bespielbares Metallgerüst, das von Bühnenarbeitern fleißig hin- und hergeschoben wurde. Über die Frei- und Wendeltreppen flitzten Personen des Lustspiels, das dem Inszenator überhaupt näherzustehen schien. Auch für Jahrmarkts- und Saufszenen des "Woyzeck" ließ sich das Gerüst gut verwenden. Der Atmosphäre von Mariens und Woyzecks dumpfer Triebwelt widerstand jedoch das kühle Metall, obwohl ergänzende Projektionen und Naturlaute bis zum Wasserglucksen hinzugefügt wurden. Frappierend, wie einzelne, aber eben nur wenige, aufeinander bezügliche Textstellen in beiden Stücken, wirkten Kostümierung (etwa ein Staatsratskollegium ohne Köpfe), blitzschnelle Umkleidung der Schauspieler, die fast alle mehrere Rollen spielen mußten, kurz: Elemente des Arrangements und der Schau.

Unbegreiflich abwesend war der bedeutende Regisseur Schmidt. Spürbar war seine ziselierende Hand an Nebenfiguren, so an Lina Carstens (Gouvernante und Großmutter) oder Werner Dahms (Zeremonienmeister und Doktor). Aber Peter Brogle mit der Doppelrolle des Leonce und des Woyzeck zu belasten, überforderte den Schauspieler, so bravourös er sich auch durch das Dickicht der Stücke schlug. Eigentlich war aus dem Riesenpersonal nur einer, Hans Clarin, der Doppelbeanspruchung ganz gewachsen (Valerio und Andres). Vor Hans Heßlings Eigenarten (König Peter und Narr Karl) kapitulierte die Regie.

Die Textverschränkung Schmidts im einzelnen zu untersuchen – mal szenenweise, mal blockweise zwischen den Stücken pendelnd, doch nichts auseinandernehmend – wird Aufgabe von Seminaren sein, die im Rahmen der Ruhrfestspiele stattfinden. Das Niederschmetternde ist der Gesamteindruck: Nach dreieinhalb Stunden stöhnten sogar Kenner der durcheinander gewürfelten Stücke. Was soll ein unerfahrenes Theaterpublikum von einem "Festspiel" denken, das ihm unverständlich bleiben muß?

Johannes Jacobi