Von Theodor Eschenburg

Einen gescheiterten Medizinstudenten hatte man ihn genannt. Das war 1963, als er – 41 Jahre alt – vom Regierenden Bürgermeister Brandt zum Chef der Senatskanzlei berufen wurde. Für eben diesen Dietrich Spangenberg hat sich jetzt der designierte Bundespräsident Heinemann als seinen Staatssekretär und Chef des Bundespräsidialamtes entschieden.

Einen "desertierten" Referendar, was im preußischen Beamtenstaat peinlich klang, hatte man auch Bismarck geheißen, als der 35jährige Landwirt und Abgeordnete 1851 den wichtigen Posten eines Gesandten am Frankfurter Bundestag antrat.

Spangenberg, Arztsohn aus der Ostzone, hatte aus finanziellen Gründen sein Studium aufgeben müssen. Zunächst hatte er an der Humboldt-Universität studiert und gehörte dann dem Gründungskomitee der Freien Universität in Westberlin an, war Sekretär, dann 1. Vorsitzender des AStA. Von 1950 bis 1958 Geschäftsführer im Amt für Gesamtdeutsche Fragen des vom Bund subventionierten VDS, betreute er die aus der Zone geflüchteten Studenten und beobachtete die Entwicklung der DDR-Universitäten. 1953 stieß er zum Kreis Willy Brandts, einem der engsten politischen Vertrauten des damaligen Regierenden Bürgermeisters, Ernst Reuter, der im gleichen Jahr starb. Ein Jahr nach seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister ernannte Brandt Spangenberg 1958 zum Leiter der Landeszentrale der politischen Bildungsarbeit, die der Senatskanzlei unterstellt war. 1963 wurde Spangenberg als Chef der Senatskanzlei Brandts engster Mitarbeiter. Damit hatte er eine Reihe von arrivierten Beamten übersprungen.

Die Qualifikation der Berliner Bürokratie ließ schon damals viel zu wünschen übrig. In ihr hatte Reuter ein schweres Erbe übernommen. Auch er selber, unter den Berliner Bürgermeistern der unbestritten bedeutendste, konnte dem hartnäckigen Widerstand der Berliner SPD gegen seine Politik, vor allem was das Verhältnis zum Bund angeht, nur durch große personalpolitische Konzessionen an die Partei begegnen. Schlechtes Verwaltungspersonal sei der Preis für eine vernünftige Politik – so hat er selbst einmal gesagt. Bei der Bestellung und Beförderung von Berliner Beamten ginge es nicht allein um deren Parteizugehörigkeit. Bezirksverbände und ebenso mächtige andere Parteigremien verlangten ihre Sonderprämiierung; die von ihnen präsentierten Kandidaten sollten auch akzeptiert werden.

Die Koalitionspatronage, die nach Reuters Tod einsetzte, war um keinen Deut besser. Es gibt einige Beispiele, die gerade in der jüngsten Zeit die Folgen dieser parteiorientierten Subalternpatronage demonstriert haben. Aber wie auch andere Regierungschefs, so suchten die Regierenden Bürgermeister Berlins die wirklich geeigne-, ten unter den Parteiangehörigen für die Besetzung ihrer eigenen Kanzlei – auf deren Leistungsfähigkeit sie im hohen Maße angewiesen waren – nach eigenem Urteil und ohne Mitwirkung irgendwelcher Parteistellen aus.

Brandt hatte, noch bevor er Präsident des Abgeordnetenhauses und Regierender Bürgermeister war, ein Team von jüngeren Leuten um sich gesammelt, die ihn anregten, deren er sich auch zu seiner eigenen Kontrolle bediente und denen er manche delikate Sonderaufgabe übertrug. Zu diesem Kreis gehörte Spangenberg. Brandt ließ sich bei der Auswahl seiner engen Mitarbeiter Zeit. Fünf Jahre blieb Spangenberg in der Landeszentrale für politische Bildung, bis er zum Chef der Senatskanzlei ernannt wurde.