Bonn

Der Fall Gerstenmaier hatte in Bonn ein tragikomisches Nachspiel. Der Petitionsausschuß im Bonner Bundestag konstatiert seit den Januartagen "einen sprunghaften Anstieg" von Schreiben, die Entschädigungs- und Wiedergutmachungsansprüche zum Inhalt haben. Schreiben, die allesamt – wie es in der vorformulierten Antwort des Ausschusses heißt – durch die "öffentliche Erörterung der Wiedergutmachungsangelegenheit des mit Wirkung vom 31. Januar 1969 zurückgetretenen Bundestagspräsidenten Prof. D. Dr. Gerstenmaier" veranlaßt wurden und die gut zur Hälfte in das Rechtsgebiet Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts fallen. Die Zahl diesbezüglicher Petitionen hat innerhalb von drei Monaten den Stand übertroffen, den man zuvor für den Zeitraum von drei Jahren statistisch festhielt.

Da sind die, die sich beruflich geschädigt fühlen ("...konnte ich meinen eingeschlagenen Weg als Fluglehrer für Segelflieger nicht mehr wahrnehmen..." oder: "Trotz bester Zeugnisse wurde mir eine frühere Einstellung in der Privatindustrie und in dem Staatsdienst verwehrt mit der Begründung: kein Nazi"), und diejenigen, deren Wiedergutmachungsanträge abgelehnt wurden, weil die Frist verstrichen war.

Da sind die auf den Gleichheitsgrundsatz Pochenden: "Meine Meinung ist, wenn nun mal die Frist verstrichen ist, dann für alle", oder an diesem Zweifelnden: "Ich erlaube mir, an Hand eines noch anhängigen Verfahrens, das ich zu vertreten habe, Ihnen einmal zu beweisen, wie mit einem kleinen Mann verfahren wird ..."

Beifall klingt auf: "Gleichzeitig aber bewundere ich Ihren Mut und Ihre Tapferkeit, daß Sie das ausgesprochen haben, was ich als Gleichgesinnter und ehemaliger politischer Häftling schon hundertmal gedacht habe: Nazi hätte man sein müssen."

Hohn wird laut: "Ich wünsche Ihnen weiterhin gute Geschäfte und verbleibe hochachtungsvoll..."

Ein Petent warnt: "Die erste Verfolgung und Schädigung geschah vor 33 Jahren, und 17 Jahre wartet Unterzeichner jetzt vergebens! Wir warten jetzt keine Stunde mehr!!"

Die meisten jedoch wollen Rat, wenn auch nicht so unverblümt wie dieser Bayer, der um einen "Tip" bittet und anmerkt: "Allerdings lege ich keinen Wert auf Titel. Geld wäre mir wichtiger." Marion Schreiber