Das Radikale schlechthin – Seite 1

Von Marianne Kesting

Auf rotem Papier und in aggressiver Werktypographie "transportiert" das Heft

"Radikales Theater", herausgegeben von Ute Nyssen; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 144 S., 10,– DM

zweifellos im richtigen Moment das rechte Wort. In einer total verplanten Gesellschaft spricht das Radikale viele Gemüter an, weil es so etwas wie Aktionsfreiheit zu verheißen scheint. Es assoziiert sich damit ein Anarchismus mit romantischen Zügen, der sich auch politischen Vokabulars bedienen kann, aber nicht unbedingt muß. Hat er mit den in diesem schönen roten Heft, versammelten Dramen zu tun?

Der Titel legt dergleichen zumindest nahe. Um ihn zu untermauern, hat Ute Nyssen, kluge Kommentatorin des barocken Fischart und agile Leiterin des Theaterverlages bei Kiepenheuer & Witsch, drei höchst heterogenen Stücken, die weder gleichen ästhetischen noch gleichen inhaltlichen Intentionen gehorchen, eine politische Theorie aufgepflanzt, die Betrachtung verdient.

Zunächst zu den Stücken: Fernando Arrabals "Garten der Lüste", David Rudkins "Vor der Nacht", Tuli Kupferbergs "Ficknam".

Der neue Arrabal ist, wie alle Arrabals, ein surreales Traumspiel, das sich aus privaten Erlebnissen und subjektiven Metaphern speist. In der gefängnishaften Abgeschlossenheit, die überhaupt für Arrabals Szenerie charakteristisch ist, treiben zwei Paare ihre phantastisch drapierten sadomasochistischen Spiele, die – nicht gerade zwangsläufig – durch Projektionen von Bosch-Bildern, Bombenflügen und Comic strips zuweilen unterbrochen werden. Dies letztere halte ich für ein Zugeständnis Arrabals an die derzeitige Pop-Mode, mit der er sonst gar nichts zu tun hat. Ohne diese Projektionen könnte das Stück ebenso gut ablaufen.

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Wer sich ein bißchen auf Psychoanalyse versteht, wird aus der Handlung leicht ablesen können, daß es sich um die Inszenierung eines privaten Konfliktes handelt. Arrabal, der unter einem körperlichen Mangel leidet, hat sich schon öfter als ein Monstrum dargestellt, das von einer Frau in einem Käfig gefangengehalten wird. So auch hier. Nach vielem einfallsreichen Hin und Her zwischen der Frau, einer Schauspielerin, dem Monstrum und einem konkurrierenden anderen Paar wird schließlich die Konkurrenz-Frau in einer schaurigen Szene ermordet – deutlich ein rituell ablaufender Sexualmord. Nun endlich sind Monstrum und Schauspielerin ungestört und vereinigen sich in einem Bosch-Ei. Das alles spielt zwischen barockmanieristischen Surrealkulissen, zwischen einem Labyrinth vergoldeter Säulen und einer Herde blökender Schafe.

In diesem Drama soziologische Bezüge aufzufinden, dürfte nicht ganz einfach sein. Es ließe sich allenfalls die gefängnishafte Situation zitieren, in der das Paar seine sadomasochistischen Spiele treibt, um sich quasi schauspielerisch-erotisch vom Gefängnis zu befreien – eine Situation, die auch das Theater Jean Genets prägt. Oder es lassen sich die Sexualkomplexe, die hier virulent werden, aus dem Klosterleben der Heldin, eventuell aus der spanisch-katholischen Jugend Arrabals deuten, was ich für richtig halte. "Radikal" allerdings ist dieses Theater vor allem im Sinne seiner künstlerischen Mittel: Es ist ein radikal surrealistisches Stück, das verdrängte Sexualität handgreiflich auf die Bühne bringt und versucht, sich davon zu befreien.

In David Rudkins "Vor der Nacht" wird durch Arbeiter auf einer Obstplantage eine Art Ritualmord an einem Landstreicher exerziert. Welche Deutung der Autor dieser Handlung unterlegt, ist völlig unklar. Er schildert sie lediglich. Die Dramaturgie des Stückes ist konventionell naturalistisch. Radikal ist es nicht. Ich halte es für einen Vorläufer von Bonds "Gerettet". Es zeigt ein weitgehend reglementiertes und unterdrücktes Kollektiv, das auf archaische Weise finsteren Antrieben Luft macht. Wollte man dies soziologisch deuten, so könnte man sagen, daß die durchrationalisierte Industriegesellschaft mit ihren terroristischen Verplanungen des Individuums eben diese unbewußten Antriebe, die sich vor allem in Kollektiven ausleben, nicht unter ihre Herrschaft gebracht hat. Sie brechen in um so unberechenbarerer Weise hervor. Darin haben wir uns wenig vom Mittelalter entfernt. Und Sigmund Freud schrieb schon in einem Brief an Romain Rolland, daß an solchen Fakten sein Optimismus gegenüber der sozialistischen Utopie seine Grenzen hätte. Was Rudkin darstellt, läßt also zumindest zweierlei Deutungen zu.

"Ficknam" ist ein Drama des amerikanischen underground. Es stellt, mit Hilfe sexueller Schocks, den amerikanischen Vietnamkrieg als Auswuchs sexueller Frustration und Aggression dar. Jede Kampfhandlung speist sich aus sexueller Aggression – derlei gehört schon zu den Platitüden der Psychoanalyse. Es ist noch keine soziale Diagnose der Hintergründe des Vietnamkrieges. Ich möchte bezweifeln, daß die Idee des Stückes besonders gescheit ist. "Ficknam" durchbricht "radikal" die Reglements über die "Erregung öffentlichen Ärgernisses" in Schauspielhäusern. Und die Jünglinge und Mädchen sind ja heute recht zahlreich, die Sexualakte mit solchen der Weltrevolution verwechseln. Im Grunde ist das Stück eine unreflektierte Reaktion auf puritanische Lehren; es enthält, wie der Puritanismus selber, die intime Verquickung des Sexuellen mit dem Bösen. Darum leuchtet mir auch wenig ein, daß Tuli Kupferberg mit solch einem Stück nicht nur die soziale, sondern auch die sexuelle Revolution in Gang bringen will.

Dies also sind die drei Studie, die mir, teils aus Gründen der Information, teils aus Gründen ihrer Qualität, durchaus lesens- und beachtenswert erscheinen. Es zeugt von entschiedenem Mut, daß Ute Nyssen sie auch gegenüber bundesdeutschen Theatern vertritt. Ein anderes freilich ist ihre radikale Theorie, die sie an diese höchst heterogenen dramatischen Muster knüpft. Sie leuchtet mir, wie ich gestehen muß, an keinem Punkte ein.

Es ist mir unmöglich, in der Tatsache, daß "im Zentrum der Stücke ein Mord" steht, ein neues Moment des Theaters der sechziger Jahre zu erblicken; schließlich kreiste schon so manche griechische Tragödie und so manches elisabethanische Drama um den Mord, zu schweigen von modernen Stücken. Nicht dieses wohl sehr alten Themas wegen wurden die Dramen unter dem Stichwort "radikal" versammelt. Ich vermute, Ute Nyssen nutzt sie zum Sprungbrett ihrer radikalen politischen Theorie. Diese Theorie ist eine Sache für sich, und bei weitem nicht die uninteressanteste des Buches.

Der Radikalismus, den es, nach Ute Nyssen, nicht "rechts", sondern legitimerweise nur "links" gibt, bezeichnet "die Haltung von unangepaßten Gruppen und Individuen". Er denke "in absoluten Alternativen". Inwiefern dies auf die abgedruckten Stücke zutrifft, bedürfte wohl der Untersuchung. Aber auch hier hat Ute Nyssen einen Kunstgriff bei der Hand: Das radikale Theater bringe das "zur komplexen dramatischen Anschauung, was der politische Radikalismus diagnostiziert". Ich nehme an, sie meint, wie Artaud, daß er das Unterschwellige einer Gesellschaft zur Erscheinung bringe, denn irgend etwas bringt jedes Theaterstück zur Erscheinung, auch eine Lehár-Operette. Und alles, schlechthin alles, läßt sich marxistisch interpretieren.

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Der anarchische linke Radikalismus, zu dessen Sprachrohr sich hier Ute Nyssen macht, nimmt quasi künstlerische Intentionen für sich in Anspruch: Er stützt sich auf die Phantasie und ist still entschlossen, sich durch Fakten nicht irritieren zu lassen. Da heißt es wortwörtlich: "Kompromißlosigkeit – aus fehlender realpolitischer Verpflichtung – ist nicht bereit, sich allzu sehr mit der Empirie einzulassen, sich von ihrer relativierenden diffusen Pluralität bremsen zu lassen. Statt dessen zielt sie auf unbedingte Veränderung."

Unausgesprochen bleibt, in welche Richtung die Änderung gehen, was genau sie bewirken soll, welche genauere Analyse oder Theorie des Sozialismus ihr zugrunde liegt, welcher Plan ihres Vorgehens überhaupt besteht. Offenbar gar keiner. All diese lästigen Überlegungen würden den Enthusiasmus dämpfen und trüben, die Unbedingtheit der Veränderung bremsen, und die Radikalität wäre nicht mehr genügend radikal.

Man fragt sich, ob die hin und wieder auftauchenden marxistischen Begriffe hier nicht eine rationale Durchdringung von Phänomenen vortäuschen, um einen neuen Irrationalismus zu lancieren, der selber dringend der Analyse bedürfte, da es sich um ein weit verbreitetes Phänomen handelt. Mir erscheint dieser Radikalismus selber als unreflektiertes Symptom, ja, als eine kollektive und unbewußte Reaktion, die sich mehr triebhaft denn rational von den ungeheuerlichen Bedrückungen und Einengungen zu befreien sucht, die die industrielle Gesellschaft mit ihren gewaltigen Apparaten von Technik und Verwaltung, ihrer rücksichtslosen Kommerzialisierung und Einplanung jeder menschlichen Regung in Gang bringt. Dieser Radikalismus lehnt Religion und Metaphysik um so leidenschaftlicher ab, als er selber pseudoreligiöse Züge annimmt. Die Wörter "saints" und "holy" spielen hier keine geringe Rolle. Aber mittlerweile ist es schon eine sehr verbreitete Erscheinung, daß sich diejenigen als Heilsapostel der Gesellschaft mißverstehen, die selber die blindesten Reaktionen auf die gesellschaftlichen Frustrationen zeitigen.

Weiß doch niemand, auf welche Weise plötzlich, wie ein Phönix aus der Asche, sich eine "befreite", "erneuerte", "veränderte" Gesellschaft aus dem radikalen Anarchismus erheben soll. Dem scheint ein archaischer Glaube zugrunde zu liegen: Man müsse etwas nur ganz unbedingt wollen, dann passiere es schon. Wie, ist egal.

Die Theorie, daß es derlei anarchischen Radikalismus nur "links" und nicht "rechts" geben könne, bedarf übrigens der Widerlegung. Ich zitiere aus der Auseinandersetzung zwischen Ernst Jünger und Leopold Schwarzwild aus dem Tagebuch vom 21. September 1929. Jünger schreibt: "Das Chaos ist dem Werdenden günstiger als die Form... Es besteht in der Jugend die Auffassung, daß die Revolution nachgeholt werden muß ... Die Ordnung ist der gemeinsame Feind, und es gilt zunächst, den luftleeren Raum des Gesetzes überhaupt zu durchbrechen, damit Aktion auf Aktion sich zu entfalten und aus den chaotischen Reserven sich zu speisen vermag... Zerstörung ist das Mittel, das dem Nationalismus, dem augenblicklichen Zustande gegenüber allein angemessen erscheint. Der erste Teil seiner Aufgabe ist anarchischer Natur, und wer das erkannt hat, wird auf diesem ersten Teil des Weges alles begrüßen, was zerstören kann ... Wir überlassen die Ansicht, daß es eine Art Revolution gibt, die zugleich die Ordnung unterstützt, allen Biedermännern ... Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß." Dann kommt Jünger auf das "Elementare", die "echte Wildheit" und gar die "Ursprache" zu sprechen, und das ist, ich gebe es zu, kein linkes Vokabular.

Ich kann nicht umhin, auch einiges aus Leopold Schwarzwilds Erwiderung "Heroismus aus Langeweile" wiederum als aktuell zu empfinden: "Er will Revolution machen, das Bestehende wegfegen, den verwesenden bürgerlichen Staat zerstören. Gut! Doch das ist für eine Staatswiedergeburt nur Ouvertüre... Was wird dann gespielt werden? Das interessiert uns, das wollen wir wissen, das müßte auch Jünger wissen. Gerade das aber kann man mit aller Bemühung nicht erfahren."

Es ist, wie man sieht, nicht uninteressant, in alten Zeitschriften zu blättern.

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In der fortschreitenden Verplanung der Industriegesellschaft, die aufzuhalten auch der Sozialismus keine rechten Anstalten macht, neigen ganze Schichten der Intelligenz immer dazu, neuen Walpurgisnächten entgegenzutaumeln. Tagtäglich erlebe ich, wie sich junge Menschen, die für intelligent zu halten ich geneigt bin, radikalisieren und fanatisieren. Die Motivation fällt verschieden aus. Im Augenblick freilich ist sie meistens marxistisch.

Wir müssen immerhin dessen gewärtig, sein, daß gerade der ausgeprägte Industrialismus spätmittelalterliche Erscheinungen zeitigt, "epidemische Gehirnerschütterungen", wie Karl Kraus sie nannte. Und er faltete ohnmächtig die Hände und sprach: "Lasset uns nüchtern werden."