Der anarchische linke Radikalismus, zu dessen Sprachrohr sich hier Ute Nyssen macht, nimmt quasi künstlerische Intentionen für sich in Anspruch: Er stützt sich auf die Phantasie und ist still entschlossen, sich durch Fakten nicht irritieren zu lassen. Da heißt es wortwörtlich: "Kompromißlosigkeit – aus fehlender realpolitischer Verpflichtung – ist nicht bereit, sich allzu sehr mit der Empirie einzulassen, sich von ihrer relativierenden diffusen Pluralität bremsen zu lassen. Statt dessen zielt sie auf unbedingte Veränderung."

Unausgesprochen bleibt, in welche Richtung die Änderung gehen, was genau sie bewirken soll, welche genauere Analyse oder Theorie des Sozialismus ihr zugrunde liegt, welcher Plan ihres Vorgehens überhaupt besteht. Offenbar gar keiner. All diese lästigen Überlegungen würden den Enthusiasmus dämpfen und trüben, die Unbedingtheit der Veränderung bremsen, und die Radikalität wäre nicht mehr genügend radikal.

Man fragt sich, ob die hin und wieder auftauchenden marxistischen Begriffe hier nicht eine rationale Durchdringung von Phänomenen vortäuschen, um einen neuen Irrationalismus zu lancieren, der selber dringend der Analyse bedürfte, da es sich um ein weit verbreitetes Phänomen handelt. Mir erscheint dieser Radikalismus selber als unreflektiertes Symptom, ja, als eine kollektive und unbewußte Reaktion, die sich mehr triebhaft denn rational von den ungeheuerlichen Bedrückungen und Einengungen zu befreien sucht, die die industrielle Gesellschaft mit ihren gewaltigen Apparaten von Technik und Verwaltung, ihrer rücksichtslosen Kommerzialisierung und Einplanung jeder menschlichen Regung in Gang bringt. Dieser Radikalismus lehnt Religion und Metaphysik um so leidenschaftlicher ab, als er selber pseudoreligiöse Züge annimmt. Die Wörter "saints" und "holy" spielen hier keine geringe Rolle. Aber mittlerweile ist es schon eine sehr verbreitete Erscheinung, daß sich diejenigen als Heilsapostel der Gesellschaft mißverstehen, die selber die blindesten Reaktionen auf die gesellschaftlichen Frustrationen zeitigen.

Weiß doch niemand, auf welche Weise plötzlich, wie ein Phönix aus der Asche, sich eine "befreite", "erneuerte", "veränderte" Gesellschaft aus dem radikalen Anarchismus erheben soll. Dem scheint ein archaischer Glaube zugrunde zu liegen: Man müsse etwas nur ganz unbedingt wollen, dann passiere es schon. Wie, ist egal.

Die Theorie, daß es derlei anarchischen Radikalismus nur "links" und nicht "rechts" geben könne, bedarf übrigens der Widerlegung. Ich zitiere aus der Auseinandersetzung zwischen Ernst Jünger und Leopold Schwarzwild aus dem Tagebuch vom 21. September 1929. Jünger schreibt: "Das Chaos ist dem Werdenden günstiger als die Form... Es besteht in der Jugend die Auffassung, daß die Revolution nachgeholt werden muß ... Die Ordnung ist der gemeinsame Feind, und es gilt zunächst, den luftleeren Raum des Gesetzes überhaupt zu durchbrechen, damit Aktion auf Aktion sich zu entfalten und aus den chaotischen Reserven sich zu speisen vermag... Zerstörung ist das Mittel, das dem Nationalismus, dem augenblicklichen Zustande gegenüber allein angemessen erscheint. Der erste Teil seiner Aufgabe ist anarchischer Natur, und wer das erkannt hat, wird auf diesem ersten Teil des Weges alles begrüßen, was zerstören kann ... Wir überlassen die Ansicht, daß es eine Art Revolution gibt, die zugleich die Ordnung unterstützt, allen Biedermännern ... Weil wir die echten, wahren und unerbittlichen Feinde des Bürgers sind, macht uns seine Verwesung Spaß." Dann kommt Jünger auf das "Elementare", die "echte Wildheit" und gar die "Ursprache" zu sprechen, und das ist, ich gebe es zu, kein linkes Vokabular.

Ich kann nicht umhin, auch einiges aus Leopold Schwarzwilds Erwiderung "Heroismus aus Langeweile" wiederum als aktuell zu empfinden: "Er will Revolution machen, das Bestehende wegfegen, den verwesenden bürgerlichen Staat zerstören. Gut! Doch das ist für eine Staatswiedergeburt nur Ouvertüre... Was wird dann gespielt werden? Das interessiert uns, das wollen wir wissen, das müßte auch Jünger wissen. Gerade das aber kann man mit aller Bemühung nicht erfahren."

Es ist, wie man sieht, nicht uninteressant, in alten Zeitschriften zu blättern.