Von Hartwig Meyer

Der "Spekulant" ist. heutzutage ein vielgescholtenes Wesen. "Wir werden der Spekulation gehörig die Suppe versalzen", sagte Franz Josef Strauß. "Bild", dessen Chefredakteur Boenisch mit dem Finanzminister befreundet ist, assistierte ihm am Morgen nach dem Regierungsbeschluß, die Mark nicht aufzuwerten, mit der Schlagzeile: "Jetzt beginnt der Kampf gegen die Spekulation." Als handele es sich um eine Aktion zur Säuberung der Bundesrepublik von unsauberen Elementen. Aber ist denn wirklich "die Spekulation" an allem schuld?

Moralplattitüden dieser Art gebrauchte der britische Premier Harold Wilson, als er im November 1967 zur Abwertung des Pfundes gezwungen wurde. Wilson schob erst einmal alle Schuld auf die Spekulanten, nicht so sehr auf jene zu Haus, sondern vor allem auf die "Gnomen von Zürich", den "Hauptdrahtziehern" der internationalen Devisenspekulation.

Der Spekulant ist ein beliebter Prügelknabe der Politiker, weil er sich nicht personifizieren läßt. Wer ist schon ein Spekulant, der biedere Bürger, der sein kleines Pfundguthaben in London schnell in Mark umwandelte, um einem Aufwertungsverlust zu entgehen? Oder sind es die internationalen Großkonzerne, die all ihre sonst in Dollar oder Pfunden gehaltenen Arbeitsguthaben bei ihren deutschen Tochtergesellschaften deponierten? Besteht die Spekulation nicht doch nur aus jenen Amerikanern, die mit Koffern voll frisch gedruckter Dollarnoten über den großen Teich gereist kamen und deutsche Wertpapiere kauften?

Es wäre verlorene Mühe, die schwarzen Schafe der Aufwertungsgewinnler säuberlich von der Masse jener weißen Schafe zu trennen, die sich ausschließlich gegen Aufwertungsverluste schützen wollen. Auch die neueste Währungskrise ist nicht von der Spekulation verschuldet worden. Besteht keine Ursache zur Krise, so gibt es auch keine Spekulation. Politiker pflegen diesen Satz stets auf den Kopf zu stellen. Anlaß der Krise war der Rücktritt General de Gaulles. Der General hatte im November vergangenen Jahres eine Abwertung des französischen Franc und damit indirekt auch eine Aufwertung der Mark blockiert. Nun, da er gegangen ist – so die Vermutungen – kann nachgeholt werden, was damals nicht möglich war.

Seit dieser Zeit, seit zwei Wochen, haben die Devisenhändler in der ganzen Welt alle Hände voll zu tun. Seitdem strömten wieder Devisenmilliarden zur Bundesbank.

Die Taunusanlage, Sitz der Bundesbank, wurde zum Karussell der Spekulation. Die deutschen Exporteure, erfolgreich auf allen Märkten, bieten der Bundesbank jeden Tag viele Millionen ausländischer Devisen an. Karl Blessing muß versuchen, dieses Geld wieder hinauszuschleusen. Die Möglichkeit dazu bietet eine Einrichtung der Bundesbank, die überschüssiges Geld aus der Bundesrepublik ins Ausland befördern soll: das verbilligte "Swap-Geschäft".