Von Claus Grossner

Für den amerikanischen SDS ist David Packard die Verkörperung des military-industrial complex, jener Verfilzung von Militär und Geschäftswelt, die auch gemäßigten Amerikanern wie Senatoren um Fulbright immer mehr Kopfzerbrechen bereitet. Packard – vor dreißig Jahren ein junger Elektroingenieur ohne Geld – ist heute einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt. Er besitzt 30 Prozent des größten amerikanischen Unternehmens für elektronische Präzisionsmeßinstrumente, der Hewlett Packard Company im kalifornischen Palo Alto, die vor allem als Zulieferbetrieb für die Rüstungs- und Weltraumindustrie arbeitet; er sitzt im Aufsichtsrat des Stahlgiganten US-Steel, des Rüstungskonzerns General Dynamics und der Chase Manhattan Bank; sein Vermögen wird auf gut 1,2 Milliarden DM geschätzt. Im Februar wurde Packard stellvertretender US-Verteidigungsminister.

"Wir müssen auf der Hut sein vor dem Überhandnehmen unerlaubten Einflusses, den der militärisch-industrielle Komplex, gewollt oder ungewollt, ausübt." Ironischerweise war es Dwight D. Eisenhower, der General, der die amerikanische Öffentlichkeit in seiner Abschiedsansprache vom 17. Januar 1961 vor dem Rüstungsmoloch warnte. Kritische Soziologen wie Floyd Hunter, vor allem aber C. Wright Mills mit seinem 1956 publizierten Buch The Power Elite hatten schon vorher Alarm geschlagen. Sie meinten, die amerikanische Gesellschaft werde von einer geheimen, hierarchisch gegliederten und militärischen Machtstruktur beherrscht. Ihre Drahtzieher seien die Großindustriellen, die sich im Verlauf der Militarisierung durch den Zweiten Weltkrieg, den Koreakrieg und den Kalten Krieg mit den Militärs zusammengetan hätten. Ihr Bund beherrsche die amerikanische Gesellschaft, mache aus ihr einen Kriegsstaat – einen warfare State anstatt eines welfare State – und treibe sie mit ziemlicher Sicherheit in den Dritten Weltkrieg.

Im Jahre 1968 vergab das Verteidigungsministerium Aufträge über 155,2 Milliarden DM an die Industrie, außerdem noch Aufträge über 26 Milliarden DM für Forschung und Entwicklung – im ganzen also für 181,2 Milliarden DM; das waren 5,3 Prozent des Bruttosozialprodukts. Eine große Zahl einzelner Interessenvertreter versucht von diesem Milliarden-Kuchen ein möglichst großes Stück zu ergattern. Die Addition dieser Privatinteressen ergibt ein Gesamtinteresse, das nicht mehr mit dem Gemeininteresse des amerikanischen Volkes übereinstimmt.

"Ein Frankenstein-Monster, das uns zerstören könnte", nennt der frühere Pentagon-Forschungschef Herbert York den militärisch-industriellen Komplex. Haben die Warner recht?

Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Haltung der Amerikaner isolationistisch, pazifistisch und allgemein antimilitaristisch, hat unlängst der Marinefüsilier-General a. D. Shoup festgestellt, der dem amerikanischen Militarismus heute volle Blüte bescheinigt. Tatsächlich entfielen 1940 bei einem Bundeshaushalt von 9,1 Milliarden Dollar nur 16,5 Prozent auf das Verteidigungsbudget. In den Kriegsjahren stieg sowohl der Gesamthaushalt als auch der Anteil des Wehretats kontinuierlich an. 1941 erhielt das Pentagon 45,7 Prozent von 13,3 Milliarden; 1942: 70,4 Prozent von 43 Milliarden; 1945: 82,7 von 98,3 Milliarden.

Die Entstehung des militärisch-industriellen Komplexes wurde eingeleitet durch den Kampf der Amerikaner gegen den deutschen Nationalsozialismus vor dreißig Jahren. Nach dem Kriege fielen die Verteidigungsausgaben zunächst: 1950 betrug der Wehranteil an einem Bundesbudget von 39,5 Milliarden Dollar nur 32,9 Prozent. Doch dann kam der Koreakrieg und mit ihm der Kalte Krieg. Schon 1951 lag der Anteil der Verteidigungskosten am Gesamthaushalt wieder bei 51,1 Prozent. Vor Vietnam pendelte er sich bei 60 Prozent eines ständig steigenden Gesamthaushalts ein. Das Militärfüllhorn, das alljährlich über die Zulieferindustrie ausgeschüttet wurde, ist ständig praller geworden. Die Verfilzung der fünf Interessengruppen, die zum militärisch-industriellen Komplex gehören – Militär, Industrie, Bundespolitiker, Einzelstaaten und Universitäten –, hat von Jahr zu Jahr zugenommen.