Karlheinz Stockhausen: "Hymnen"; Elektronische Realisation des Westdeutschen Rundfunks Köln; Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 421/2, 50,– DM

Über lange Strecken hat man den Eindruck, jemand drehe gegen Mitternacht den gesamten Kurz Wellenbereich seines Radios durch: Jede Station sendet ihre Nationalhymne, jede ist nur in Fragmenten zu hören, Morsezeichen, Rauschen und Pfeiftöne unterbrechen ständig.

Natürlich, sagt Karlheinz Stockhausen, seien Nationalhymnen geladen mit Zeit, mit Geschichte, mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. "Entweder wir erfüllen die Dinge, oder wir benutzen sie nicht mehr." Und so will Stockhausen die Hymnen, die "überkommenen Dinge", "frisch machen", wobei er deutlich sagt, daß er "engagiert" sei. Das Engagement dauert 113 Minuten und besteht aus vier "Regionen", in denen bestimmte Hymnen dominieren und konkurrieren, die "Marseillaise" und die "Internationale" beispielsweise in der ersten Region.

Zwei Ziele kann Stockhausen ohne Schwierigkeiten erreichen: Er kann, weil jeder ein paar Hymnen kennt, den technischen Vorgang seiner Komposition deutlich machen und in den Kombinationen verschiedener Hymnen, in dem Mit- und Gegeneinander, eine Philosophie aufbauen. Was jedoch kaum erreicht wird in dieser zweistatt vierkanaligen Platten- Version: das Raumerlebnis stellt sich nicht ein. Zwar gibt Stockhausen der Plattenhülle ein Schaltschema für eine Pseudo-Vierkanaleinstellung bei – doch dürften Schallplattensammler gerade froh sein, zwei einigermaßen anständige Lautsprecher zu besitzen.

Im übrigen wird von der Platte ein Verdacht, der bei der Uraufführung in Köln erst schwach aufkam, hier eindeutig: Einhundertdreizehn Minuten kann auch der geniale Stockhausen nicht annähernd so füllen, daß über modische Spielereien auch noch ständig ein Engagement – von künstlerischer Qualität im herkömmlichen Sinne einmal ganz abgesehen – zu vernehmen ist.

Heinz Josef Herbort