Von Karl-Heinz Janßen

Prinz Sihanuk, der wetterwendische Staatschef von Kambodscha, machte Schlagzeilen, als er vorige Woche die DDR voll anerkannte. Aber er faßte zur selben Zeit einen anderen Entschluß, der noch viel mehr Beachtung verdient hätte: die diplomatische Anerkennung der südvietnamesischen Befreiungsfront. Gewiß hat Sihanuk allen Grund, sich mit den Vietcong gutzustellen, die das kambodschanische Territorium seit Jahren als Angriffs- und Rückzugsbasis benutzen. Aber wenn er der NLF gerade jetzt, da sie in Paris einen 10-Punkte-Friedensplan vorlegt, völkerrechtlichen Status zubilligt, so zeugt das für seine Einsicht, daß dem Militärregime in Saigon keine große Zukunft mehr beschieden ist, nachdem sich die Amerikaner grundsätzlich zum allmählichen Abzug ihrer Truppen aus Südvietnam entschlossen haben. Die Einheiten der 25. Division nahe Saigon warten nur noch auf den Marschbefehl aus Washington.

Auch in Saigon dämmert den führenden Politikern die Erkenntnis, daß sie bald allein mit der NLF zurechtkommen müssen. Mit militärischer Hilfe einer Weltmacht haben sie die Befreiungsfront nicht aus dem Felde schlagen können, um so weniger werden sie es mit politischen Mitteln vermögen. Präsident Thieu, der noch vor einigen Monaten schwor, "niemals" mit der NLF zu verhandeln, hat inzwischen von sich aus Geheimgespräche angeboten; seine Regierung hat auch nicht, wie man zunächst befürchten mußte, den neuen Friedensplan in Bausch und Bogen abgelehnt. Erst recht hüteten sich die Amerikaner, die Friedensinitiative der anderen Seite geringzuschätzen. Zwar reagierten sie zunächst kühl und reserviert – schon aus Rücksicht auf die Alliierten –, aber Außenminister Rogers selber flog nach Saigon, um mit der Regierung Thieu die Grenzen des Entgegenkommens abzustecken. In Paris halten sich Gerüchte, die Befreiungsfront habe ihre zehn Punkte überhaupt erst auf einen amerikanischen Wink hin entworfen.

In den wesentlichen Punkten hat die NLF altbekannte Forderungen wiederholt, die bereits in ihrem Fünf-Punkte-Programm und in den berühmten vier Punkten Hanois niedergelegt sind: bedingungsloser Rückzug der amerikanischen Truppen, Rückkehr zu den Bestimmungen des Genfer Indochina-Abkommens von 1954, Lösung der vietnamesischen Frage in eigener Regie. Die Neuigkeit steckt diesmal im Detail und in der Formulierung. Es fehlt die übliche Polemik, und manche Passagen sind so formuliert, daß sie verschiedene Deutungen zulassen. In den kommenden Verhandlungen werden sich die Delegationen in Paris noch an drei Kernfragen die Zähne auszubeißen haben: dem Disengagement der auswärtigen Kriegsparteien, der Zusammensetzung der ersten Nachkriegsregierung und der Wiedervereinigung der beiden in Genf geschaffenen "Waffenstillstandszonen".

1. Disengagement: Die Forderung nach Abzug der amerikanischen und der übrigen alliierten Streitkräfte wird mit keinem Terminwunsch verknüpft. (Johnson hatte einst in Manila eine Frist von sechs Monaten angeboten!) In Washington glaubt man aus einigen Sätzen schließen zu können, daß die NLF mit dem Rückzug der (wesentlich schwächeren) nordvietnamesischen Divisionen ebenfalls einverstanden wäre. Offiziell hat allerdings Hanoi die Anwesenheit seiner Truppen im Süden nie zugegeben; sie könnten also stillschweigend in ihre Heimat abrücken oder, wie schon so oft, unbemerkt über die Grenzen nach Kambodscha und Laos ausweichen. Der Punkt 3 des neuen Planes ("Die Frage der bewaffneten vietnamesischen Streitkräfte in Südvietnam soll von den vietnamesischen Parteien selbst entschieden werden") kann jedoch auch bedeuten, daß ebenso wie 1954 nach einem Waffenstillstand jede Seite ihre Truppen in bestimmten Zonen konzentriert; praktisch würde also die Befreiungsarmee in den schon jetzt von ihr beherrschten Gebieten Gewehr bei Fuß stehen. Der Vorschlag einer Generalamnestie läßt sogar die (freilich noch unwahrscheinliche) Möglichkeit offen, daß Teile der beiden Bürgerkriegsheere eines Tages verschmolzen werden, wie es 1949 nach dem Bürgerkrieg in China und neuerdings im Jemen geschehen ist.

2. Koalitionsregierung. Nach dem NLF-Plan soll zunächst ein Übergangskabinett gebildet werden, das den Krieg liquidieren muß; in ihm wären alle wichtigen politischen und sozialen Gruppen des Landes vertreten, also doch wohl neben der Befreiungsfront (die keineswegs nur Kommunisten umschließt) auch die Armee Saigons, die nichtkommunistische Opposition, die antikommunistischen Katholiken, die neutralistischen Buddhisten und etliche Exilgruppen. Nach dem teilweisen oder vollständigen Abzug der Amerikaner sollen freie Wahlen abgehalten werden; ihnen folgt die Bildung einer Regierung der "Nationalen Union", in der die NLF auf jeden Fall einige Plätze beansprucht. Natürlich stemmt sich das Regime in Saigon mit aller Kraft gegen die Zumutung, mit den "Rebellen" in einer Regierung zu sitzen; in den Vereinigten Staaten hat man sich indes längst an diesen Gedanken gewöhnt, ungeachtet der Gefahr, daß eine solche Koalitionsregierung von den Kommunisten unterwandert oder gestürzt werden kann.

3. Wiedervereinigung: Dieses Ziel war schon der Inhalt des Genfer Abkommens nach dem ersten Krieg in Indochina. Damals zog Ho Tschi Minh seine Truppen aus der Südzone in der Erwartung zurück, daß ihm nach den für 1956 vereinbarten freien Wahlen ohnehin das ganze Land zufalle. Nunmehr heißt es, die Wiedervereinigung solle "Schritt um Schritt, auf friedlichem Wege, durch Gespräche und Vereinbarungen zwischen beiden Zonen" vollzogen werden. Erst in den angestrebten zweiseitigen Gesprächen zwischen Washington und Hanoi einerseits und Saigon und der NLF andererseits wird sich herausstellen, ob die NLF tatsächlich in jeder Beziehung an der Strippe Hanois hängt. Die Vietnam-Experten sind sich noch immer nicht einig, ob die Aufstandsbewegung von Hanoi ins Leben gerufen und gelenkt wurde oder aus einer originär südlichen Entwicklung hervorgegangen ist. Jedenfalls ist es denkbar, daß noch während der Friedensverhandlungen oder nach dem Waffenstillstand sachliche und auch regional bedingte Differenzen zwischen Hanoi und der Befreiungsfront zutage treten und sich der traditionellen Gegensatz zwischen den alten Landesteilen Cochinchina, Annam und Tongking als stärker erweist denn die nationale Solidarität im Kampf gegen den "amerikanischen Imperialismus".

Auch wenn Sihanuk jetzt auf die Karte des Vietcong setzt – die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Partner geben das riskante Spiel noch nicht verloren, das nun mit der zweiten, ernsthaften Phase der Pariser Friedensverhandlungen begonnen hat.