Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Mai

Die politischen Architekten der Hochschulreform sind zu jedermanns Prügelknaben geworden, alle Welt verlangt, den Muff von tausend Jahren auszulüften, aber legt eine Landesregierung Reformentwürfe vor, kann sie sicher sein, auch von aller Welt gescholten zu werden. Die Reformen werden selbst dann noch umstritten sein, wenn sie Brief und Siegel des Gesetzgebers tragen. Ein Genie, das es bei dieser heiklen Materie allen oder auch nur den meisten recht machen könnte, gibt es nicht.

Freilich mischen sich in die Debatte immer mehr Stimmen, die da sagen: Die ganze Richtung paßt uns nicht. Angegriffen wird vor allem das wesentliche Merkmal der Reformentwürfe: Der Versuch, dem Verlangen nach mehr Mitsprache und Demokratisierung an den Hochschulen. Bisher ist das Marburger Professoren-Manifest das deutlichste Dokument dieser grundsätzlichen Opposition gewesen. Jetzt aber haben die Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, der Forschungsgemeinschaft und der Rektorenkonferenz, die Professoren Butenandt, Speer und Rumpf, den Eindruck erweckt, auch sie wollten sich zumindest in die Nähe jener Gegenreform begeben.

Übersetzt man ihre gemeinsame Erklärung in Klartext, so wenden sie sich dagegen, daß dem Staat wie den Studenten und Assistenten bei der Hochschulforschung zu viele Mitspracherechte eingeräumt werden. Als Folge prophezeien sie die Abwanderung der Forschung und die "Zerstörung der deutschen Universität". Über die Forschung könnten letzten Endes nur die Forscher befinden.

So dankenswert die Entschiedenheit ist, mit der sich die drei Präsidenten äußern, so erstaunlich bleibt zugleich, daß sie in die Debatte wieder Argumente von gestern einführen, die man überwunden glaubte. Angesichts der Milliardensummen an öffentlichen Geldern, die der Forschung zugute kommen müssen, war und ist klar, daß das Verhältnis zwischen staatlichen und akademischen Instanzen neuer Formen bedarf. Die Erwartung, daß der Staat auf eine detaillierte Forschungspolitik verzichten und Mittel großzügig hergeben solle, ohne allzu genau nach ihrer Verwendung zu fragen – diese Erwartung ist ein frommer, unrealistischer Wunsch.

Die Reformdebatte ist von Anfang an davon ausgegangen, daß die Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen der Hochschulangehörigen nach der Devise "Soviel Mitsprache und gemeinsame Entscheidung, wie möglich, sowenig unkontrollierte Befugnis und einsame Entschlüsse wie nötig" neu geordnet werden müssen. Wegen der fließenden Grenzen zwischen Forschung und Lehre und wegen der Hartnäckigkeit, mit der gerade die Professoren an der Einheit von Forschung und Lehre festhalten, berührt es merkwürdig, daß die drei Präsidenten den Wunsch nach mehr Mitsprache für die Forschung nur innerhalb sehr enger Grenzen gelten lassen wollen.