Von Manfred Sack

Sie haben ihre Eigentümlichkeiten, wer hat die nicht. Zum Beispiel wollen sie möglichst die eigene, von niemandem sonst benutzte Haustür, auch wenn sie in der dritten Etage wohnen. So stemmen sie sich, steile Stufe um steile Stufe, hinan in ihre Wohnung, die manchmal vier Stockwerke hoch ist: eine lange, dünne Scheibe Reihenhaus im Miethausblock. Dies einerseits. Und andererseits tun sie mit rührender, zur Gewohnheit gewordener Folgsamkeit, was ihnen Calvin und seine Prediger aufgetragen haben: die Gardinen aufzuziehen; denn wir, so sollen sie sagen können, haben nichts zu verbergen. So blickt niemand seinem Nächsten mehr ins offene Fenster: Man sähe alles, also nichts.

Gewiß gibt es sowohl noch viele andere Eigentümlichkeiten als auch noch viele andere Ursachen dafür, und natürlich gibt es "die Holländer" gar nicht. Aber die beiden Besonderheiten spiegeln sich in zwei Einrichtungen wider, die in Dronten, dem größten dreier Neu-Dörfer auf dem Polder "Ost-Flevoland", sechzig Kilometer östlich von Amsterdam, zu besichtigen sind und dazu ausdrücklich einladen. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Der eigenen Haustür entspräche die eigene Kirche, deren es in dem Dorf Dronten gleich vier gibt. Eine blieb klein, drei gerieten ein bißchen zu groß – die Türme mußten höher sein als 35 Meter, weil der Staat sie dann bezahlt (das Kirchengebäude sowieso zur Hälfte), sie offerieren dreitausend Plätze, auf denen sich – sofern wirklich alle kommen – höchstens achthundert Getreue die besten aussuchen können. Aber, natürlich, auch in den Niederlanden kommen sie nicht mehr alle. Und an den Kirchenschiffen hängen, wie Rettungsboote, lauter kleinere und größere Räume oder Säle für alle jene Beschäftigungen, die der Kirche geheuer sind. Für Kindergärten selbstverständlich auch.

Diese trotzig überdimensionierten Manifestationen für den wankenden Glauben sind vielleicht die letzten In Lelystad, der geplanten Industriestadt dieses Polders, wird es wahrscheinlich gar keine Kirche mehr geben, nur noch einen Vielzweckversammlungsraum, den auch die Kirchen sich mieten können, nicht anders als Zauberer, Theatertruppen, Bildungsredner, Parteien.

Dieser Raum befindet sich – ebenso wie eine kleine Kapelle – in einem Gebäude, dessen Drontener Ur-Typ von sich reden gemacht hat: in einem Gemeinschaftszentrum. Es ist so durchsichtig wie eine holländische Reihenhausetage, so hell wie ein Versammlungsplatz, so geschützt wie ein Saal, so anregend wie eine südländische Plaza. Der Architekt holte sich den Namen aus Griechenland: Agora, auf deutsch Versammlungsplatz. Es war der Einfall seines Lebens, es war der Glücksfall für das Dorf. Niemals sonst spräche man von Frank van Klingeren und von Dronten.

Der Einfall war dem Amsterdamer Architekten van Klingeren gekommen, als er für ein Dorf bei Utrecht ein kulturelles Zentrum erfinden sollte, nicht zu teuer, möglichst vielfältig benutzbar, also flexibel, veränderbar. Der Plan fiel ins Wasser, aber Leute vom staatlichen "Rijksdienst" – der das Ijsselmeer trockenlegt, kultiviert, bebaut, besiedelt – wollten ihn für Dronten haben. "Aber da habe ich gesagt, Moment mal, ich bin ja schließlich keine Helikopterfirma, die Häuser hin und her verlegt, das kann man doch nicht machen."