Niemand kann verlangen, daß Bonn begeistert ist, wenn ein fremder Staat die DDR anerkennt. Doch sollte sich die Bundesregierung vor Repressalien hüten. Deren Androhung wird nirgendwo fruchten, wo der Ausschlag der lokalen Interessen sowieso in Richtung Anerkennung weist. Mit dem Abfall der Anfälligen muß man sich beherrscht abfinden.

Jenen aber, die uns eigentlich wohl wollen, denen es jedoch von Jahr zu Jahr auch innenpolitisch immer schwerer fällt, sich von Bonn in die Pflicht der abstrakten Hallstein-Doktrin nehmen zu lassen, sollten wir hinfort nicht mehr mit angeblichen Souveränitätsdefekten des SED-Regimes oder seiner mangelnden demokratischen Legitimation kommen; die Welt ist voller ähnlicher Mängel. Es ist besser, bei ihnen durch den Hinweis auf die rabiate Entspannungsfeindlichkeit Ulbrichts Zurückhaltung gegenüber seinem Staat zu erwirken, und empfehlenswert, daß dies nicht für alle Zeiten von ihnen verlangt wird. Für den Fall, daß die Entspannungsfeindlichkeit schwindet, könnten wir ihnen in Aussicht stellen, daß wir der Entwicklung engerer Beziehungen dritter Staaten zur DDR oder deren Eintritt in internationale Organisationen mit Gleichmut begegnen – ja, ihr sogar in dem Maße Vorschub leisten, in dem sich das innerdeutsche Verhältnis, und sei es auf der Basis der Zweistaatlichkeit, verbessert.

"Je mehr Freiheit das Ostberliner Regime den Menschen gewähren würde, desto mehr zustimmende Anerkennung könnte es in der Welt finden" – es war Willy Brandt, der dies im August 1967 schrieb. Von ihm stammt auch der Satz: "Wir wollen dem anderen Teil Deutschlands Möglichkeiten geben, zu einem normalen Verkehr mit uns und, wenn es soweit ist, mit der übrigen Welt zu finden." Darin deutete sich eine bedingte Duldung der DDR-Anerkennung durch Drittstaaten an, analog der damals von der Großen Koalition verfolgten bedingten Anerkennung der DDR durch Bonn – beides unter der Voraussetzung innerdeutscher Entkrampfung. Eine unzweideutige Politik ist daraus nie geworden, und vielleicht ist es so kurz vor dem Wahlkampf dafür zu spät. Aber noch spricht alles zu ihren Gunsten.