Von Wolfgang Müller-Haeseler

Seit fünf Jahren wird das internationale Währungssystem von Bretton Woods, das im August 25 Jahre besteht, von Krisen geschüttelt, die immer schneller und heftiger aufeinander folgen. Dieses System, das seinen Namen von dem kleinen Badeort an der amerikanischen Ostküste erhielt, wo sich 1944 die Vertreter von 44 Ländern auf seine Spielregeln einigten, hat 20 Jahre lang einwandfrei funktioniert. Und auch heute wäre daran nichts auszusetzen, wenn sich alle beteiligten Länder an seine Regeln hielten, wenn sie ihre Wirtschaft im Gleichschritt entwickelten. Das geschieht aber nicht. Nach der Oberwindung der Kriegsfolgen waren das Tempo des wirtschaftlichen Wachstums und die nationale Wirtschaftspolitik der Mitgliedsländer so unterschiedlich, daß die "Preise" der Währungen nicht mehr stimmten: Der Dollar wurde durch das weltweite und ehrgeizige Engagement der USA in allen Teilen der Welt überfordert, das englische Pfund litt unter einer überholten Struktur der Industrie, der französische Franc wurde durch die Mai-Unruhen in Mitleidenschaft gezogen. Allein die Mark blieb "gesund", so gesund, daß heute alle Welt auf eine Aufwertung der Mark spekuliert. Die Mark soll gegenüber dem Dollar und allen anderen Währungen teurer werden. Mit ihrem Beschluß, die Mark nicht aufzuwerten, hat die Bundesregierung nur Zeit gewonnen, mehr offenbar nicht. Unsere Chronik der letzten Krisen zeigt, wie es zu der Spekulation um eine Mark-Aufwertung kam.

18. November 1967Englands Premierminister Harold Wilson verkündet zweieinhalb Stunden vor Mitternacht die Abwertung des englischen Pfundes um 14,3 Prozent, Das Pfund, das bis zu diesem Tag mit 11,20 Mark gehandelt wurde, ist nur noch 9,60 Mark wert. Nach dreijährigem Abwehrkampf streckte die zweite Labourregierung nach dem Krieg die Waffen. In der Woche vor der Pfund-Abwertung hatte sich die Lage dramatisch zugespitzt. Um Großbritannien die Erfüllung seiner auswärtigen Verpflichtungen zu ermöglichen, hatte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) der englischen Notenbank einen Kredit von 250 Millionen Dollar, also eine Milliarde Mark, gewährt. Zusammen mit einer privaten Anleihe von drei Schweizer Großbanken in Höhe von 105 Millionen Dollar wurde England so in die Lage versetzt, die letzte Rate eines 1964 gewährten internationalen Kredits zurückzuzahlen. Doch das änderte nichts mehr an der Abwertung, die eine Konsequenz der englischen Krankheit war. Deren Symptome: Zu wenig Exporte und zu viel Importe, zu wenig Produktivität und zu hohe Staatsausgaben. Im Durchschnitt der Monate Januar bis Juli 1967 hatte der Einfuhrüberschuß monatlich 18 Millionen Pfund betragen, von August bis Oktober 58 Millionen.

Am Tage vor der Abwertung, am Freitag, hatte an den Devisenbörsen Chaos geherrscht. Für die Devisenhändler war es unmöglich, Kurse für das Pfund, den Dollar oder die Mark zu nennen, die länger als ein paar Minuten Gültigkeit hatten.

Um den Kurs des Pfundes innerhalb der vom Internationalen Währungsfonds festgesetzten Grenzen zu halten, hatte die Bank of England in den Tagen vor der Pfund-Abwertung einen Betrag von ein bis zwei Milliarden Dollar aufgewandt. Dafür kaufte sie an den Devisenmärkten Pfunde, sobald der Preis unter die vom Währungsfonds festgesetzte untere Grenze fiel. Die Pfundmisere war durch zwei vorausgegangene Ereignisse noch verstärkt worden. Die Sperrung des Suezkanals im israelischen Sechs-Tage-Krieg hatte die englische Devisenbilanz mit rund 100 Millionen Dollar belastet. Eine Reihe von arabischen Ölländern hatte aus Mißtrauen gegen das Pfund ihre in London unterhaltenen Guthaben abgezogen und in anderen Währungen – vornehmlich Schweizer Franken und Mark – oder Gold angelegt.

Um für das Sanierungsprogramm Harold Wilsons Zeit zu gewinnen, nahm Großbritannien beim Internationalen Währungsfonds in Washington erneut einen Kredit von 1,4 Milliarden Dollar auf.

In den ersten zehn Tagen nach der Pfundabwertung folgten insgesamt 25 Länder dem englischen Schritt, darunter Dänemark, Spanien, Israel und Neuseeland. Da sich jedoch unter den "Mit-Abwertern" kein großes Industrieland befand, das als starke Konkurrenz Englands gilt, blieb den Briten ein genügend großer Abwertungsvorteil, den sie aber im Laufe der Zeit schon wieder verloren haben.