Von Wolfgang Krüger

Wenn Zahlen die Wahrheit sprechen und die Durchschlagskraft einer Organisation identisch ist mit ihrer Mitgliederstärke, dann haben die Gewerkschaften den Zenit ihrer Macht überschritten. Im Jahre 1966 waren in den im Deutschen Gewerkschaftsbund zusammengeschlossenen Industriegewerkschaften 6,5 Millionen Arbeitnehmer organisiert. Seitdem leidet der DGB an Mitgliederschwund. Im vergangenen Jahr verlor er 32 000, im Jahr davor sogar 129 000 Beitragszahler.

Das allein sind vielleicht noch keine alarmierenden Zahlen. Die Rezession und die damit verbundene rückläufige Beschäftigung haben sich zweifelsohne auch negativ auf die gewerkschaftliche Mitgliederbewegung ausgewirkt.

Wie prekär jedoch die organisationspolitische Situation des DGB ist, wird deutlicher, wenn Mitglieder- und Beschäftigtenentwicklung über einen längeren Zeitraum in Beziehung gesetzt werden. Von 1952 bis 1966 hatten die DGB-Gewerkschaften zwar noch einen Zulauf von 8,3 Prozent, im gleichen Zeitraum vergrößerte sich jedoch das Arbeitnehmer-Reservoir um 47 Prozent.

Der absolute Rückgang des DGB-Mitgliederbestandes in den vergangenen zwei Jahren ist also nur die akzentuierte, durch Sonderfaktoren beschleunigte Fortsetzung einer Entwicklung, die im Grunde schon im Jahre 1952 begonnen hat.

Es ist verständlich, daß diese Entwicklung – inzwischen sind in den DGB-Gewerkschaften nur noch 28 Prozent der Arbeitnehmer organisiert – den DGB-Oberen zunehmend Kummer macht; denn gering ist der Trost, daß es den anderen, außerhalb des DGB operierenden Gewerkschaften nicht besser oder sogar, wie der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, noch schlechter geht.

Um dem drohenden Macht- und Prestigeverlust entgegenzuwirken, forschte der DGB-Bundesvorstand in einer im vergangenen Jahr fertiggestellten hausinternen (nicht veröffentlichten) Studie nach den Gründen des laufenden Substanzschwundes. Zutage gefördert wurde ein ganzer Katalog beklagenswerter Fakten.