Von Kurt Sontheimer

In den letzten Wochen ist in der deutschen Öffentlichkeit. die Frage nach Hitlers Größe gestellt worden. Wenn mein Eindruck mich nicht trügt, so neigen die konservativen Zeithistoriker und Kommentatoren eher dazu, Hitler jeden Anspruch auf historische Größe zu, versagen und schon die Frage für verfehlt zu halten, während ihre liberaler orientierten Kollegen immerhin eine differenzierte Antwort zu geben versuchen.

Entscheidend für die Beurteilung der "Größe" Hitlers ist natürlich der moralische Maßstab, den man mit der Idee der großen historischen Persönlichkeit verbindet. Alles in uns sträubt sich dagegen, über die historische Größe eines Mannes zu räsonieren, der das deutsche Volk korrumpierte und in die Katastrophe hetzte, der seinen Judenhaß bis zur kaltblütigen Ermordung von Millionen steigerte und sich in seinem politischen Denken und Auftreten wie ein rasend gewordener Kleinbürger gebärdete. Ersetzen wir jedoch den Begriff der Größe durch historische Bedeutung oder Wirksamkeit, so sieht das Bild ganz anders aus. Diese war unbestritten groß. Alle Hitler-Biographen müssen auf die Frage eine Antwort finden, wie, durch welche Begabung, mit welchen Mitteln dieser Mann es geschafft hat, eine Massenbewegung aus dem Boden zu stampfen, ein großes Volk in seinen Bann und unter seine Herrschaft zu zwingen, das Reich zu vergrößern und einen gewaltigen Krieg zu entfachen, bei dem er zeitweilig von einem Erfolg nicht weit entfernt war. Hitler hat wie kein anderer die Weltgeschichte im 20. Jahrhundert bewegt. Von moralischen Standards abgesehen, ist dies eine große, eine enorme Leistung.

Zur Beurteilung der Hitlerschen Persönlichkeit kann man jetzt das neue Buch eines unserer jüngeren Zeithistoriker heranziehen:

Eberhard Jäckel: "Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft"; R. Wunderlich Verlag H. Leins, Tübingen 1969; 160 S., brosch. 9,80 DM, L. 18,– DM.

Dem an der Universität in Stuttgart lehrenden, Verfasser war aufgefallen, daß Fachkollegen immer wieder behaupteten, Hitler habe keine Weltanschauung in einem ernst zu nehmenden Sinne des Wortes gehabt. Gleichzeitig hoben diese Historiker jedoch hervor, daß die außerordentliche geschichtsbestimmende Wirkung des Nationalsozialismus ohne Hitler, und das heißt: ohne sein politisches Programm und den unerbittlichen Willen, es durchzusetzen, gar nicht erklärbar wäre. Jäckel macht diesen bisher nicht gelösten Widerspruch zwischen der angeblichen Bedeutungslosigkeit Hitlers in Fragen der Weltanschauung und seiner großen Bedeutsamkeit als politisch-historische Figur zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. Er überspielt die freilich kaum befriedigend zu beantwortende Frage nach der Qualität einer Weltanschauung durch den Rekurs auf ein einfaches nominalistisches Verfahren: Für ihn ist Weltanschauung "die Art und Weise, wie jemand die Welt ansah oder ansieht". Diese Idee von Weltanschauung hat also nichts mit einem geschlossenen, in sich stimmigen Gedankensystem zu tun. Jäckel entmythologisiert den Begriff Weltanschauung. Zu fragen wäre, ob er ihn dann auch so zentral verwenden sollte?

Seine gediegene, sprachlich ausgefeilte Untersuchung erbringt den Nachweis, daß Hitler in seiner Politik durch einige wenige leitende Ideen bestimmt war, die er sich schon sehr früh gebildet hatte und die er, im Besitz der Macht, zielstrebig durchzusetzen versuchte. Hitler selbst sagte von sich, seine Weltanschauung in den Wiener Jahren, also zwischen 1907 und 1915, geformt zu haben. Die Studie Jäckels konzentriert sich auf drei Schwerpunkte: auf die außenpolitischen Konzeptionen Hitlers, auf seinen Antisemitismus und auf seine Vorstellungen vom Staat. Sie machen den Kern von Hitlers "Weltanschauung" aus. Alles andere war peripher und wandelbar.