Von Hansjakob Stehle

Es waren ein gelassener, selbstsicherer Parteichef Husák und ein fast heiterer, erleichtert wirkender Parlamentspräsident Dubček, die sich – so schildern es westliche Beobachter – am 8. Mai auf der Prager Burg beim Festempfang gemeinsam unter das Publikum mischten.

Was gefeiert wurde – der "Tag der Befreiung" –, gehört zur Geschichte, deren jüngstes Kapitel, von der Sowjetarmee im August 1968 geschrieben, noch Gegenwart ist und den unstreitbaren Lorbeer von 1945 welken ließ. Doch die Prager Führungsspitze kann sich Gefühle – auch gemischte – nicht mehr leisten. Selbst Josef Smrkovsky, der aus der Parteiführung ausgeschiedene Volkstribun, 1945 der Held und Führer des Prager Aufstandes, erschien am Vorabend des Staatsfeiertages im Fucik-Park, wo der eher konservativ gestimmte Präsidiumsfunktionär Piller vor einigen tausend mühsam zusammengeholten unentwegten Mitgliedern der "Gesellschaft für sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft" – den Januar 1968 als Beginn einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von Partei und Staat pries, aber bedauerte, daß dieser Prozeß "nicht unter voller Kontrolle geblieben" sei.

Solche Szenen kennzeichnen den immer noch labilen, doch schon nicht mehr fiebernden Zustand der Tschechoslowakei. Gewerkschaftler, Studenten, ja sogar die von Zensur und Tadel hart betroffenen Journalisten, die auf den Machtantritt Husáks mit Mißtrauen, Empörung oder bitterer Resignation reagiert hatten, scheinen nachdenklich zu werden; ihre ablehnende Haltung geht mehr und mehr in eine abwartende über. Nicht wenige, die Husák noch vor Wochen nichts Gutes zutrauten, beginnen zu erkennen, wie dieser Politiker langsam, doch ebenso ausgeklügelt wie energisch Weichen und Signale stellt, Bremsklötze befestigt und Energien freilegt, um das entgleiste Gefährt des Landes wieder in Gang zu bringen – auf einem Reformkurs, der kein Kollisionskurs gegen Moskau mehr werden darf.

Vor dem Preßburger Zentralkomitee, das inzwischen den 41jährigen Stefan Sadovsky, einen integren Mann der Reform und engen Verbündeten Husáks, zum slowakischen Parteichef wählte, hat sich Husak zum erstenmal seit längerer Zeit heftig auch von den linken, nicht nur den rechten Extremisten distanziert und damit dem ganzen Land ein Zeichen gegeben:

"Wir wollen, daß die KPČ als führende Kraft anerkannt werde, aber nicht so, daß wir diese Anerkennung mit administrativen Methoden erzwingen ... Wir würden auch nichts erreichen können, wenn wir die Stellung der Partei durch Kommandieren und Erneuerung bürokratischer Methoden zu stärken suchten. Wir haben in einigen Organisationen und einigen Bezirken noch Anhänger solcher Methoden. Niemals aber dürfen wir zu diesen Formen zurückkehren. Wir werden keinerlei Extreme zulassen. Auch die linksgerichteten konservativen Extremisten können uns – das muß man sehen – nichts Gutes bringen; gegen sie zu kämpfen ist besonders wichtig."

Für Husák war es bedeutsam, daß die Moskauer "Prawda" große Teile dieser Rede vom 4. Mai nachdruckte. Dazu gehörte auch jene Bemerkung, in der der Parteichef – selbst ein manchmal übertreibender Vorkämpfer der Föderalisierung von Staat und Partei – nun darauf pocht, daß die KPČ "eine einheitliche Partei ist und bleibt". Tatsächlich ist Husák, zuvor der "starke Mann" der Slowakei, in der tschechischen Metropole jetzt zum Fürsprecher des gesamtstaatlichen Zusammenhalts, ja einer starken Zentrale geworden. Als Slowake weiß er die Interessen seines Volkes bei sich selbst und seinen Preßburger Freunden gut aufgehoben; als politischer Praktiker und "Notstandsdiktator" meint er jedoch etwas ganz Bestimmtes, wenn er für eine "einheitliche" Partei plädiert. Hier liegt unverkennbar der Beginn einer Auseinandersetzung mit Strougal, dem Leiter des tschechischen Parteibüros. Er ist vielleicht ebenso intelligent wie Husák, aber dogmatisch, schielt nur nach dem Beifall des "großen Bruders" und könnte zum Gegenspieler des neuen Parteichefs werden. Husák wird ihn veranlassen, Farbe zu bekennen, und er wird Strougals Macht beschneiden, wenn dieser nicht einlenkt.