Washington, im Mai

Seit Wochen hält ein amerikanischer Senatsausschuß mit dem demokratischen Senator George McGovern und seinem republikanischen Kollegen Jacob Javits – den unbestechlichsten Wortführern sozialpolitischer Vernunft – im Zuge eines langen Hearings Lokaltermine in allen Landesteilen Amerikas ab, um sich endlich ein klares Bild über Hunger und Unterernährung in der "Nation des Überflusses" zu machen. So bestürzend das klingt, so wahr ist es doch: Im reichsten Land der Welt mit einem Durchschnittseinkommen, das noch immer doppelt so hoch ist wie das in vergleichbaren europäischen Industrieländern, leben einige Millionen, wenn ihr Einkommen als Maßstab angelegt wird, an der Grenze des Existenzminimums oder sogar darunter; viele von ihnen fristen ihr Dasein mit einer Ernährung, die ganz erheblich unter dem von Medizinern anerkannten Mindeststandard liegt.

Wieviel Amerikaner das wirklich sind, läßt sich mit Sicherheit noch nicht sagen, doch die Tatsache selbst ist unbestritten. Sie ist auch nicht erst heute ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gedrungen; seitdem der Schriftsteller Michael Harrington in seinem 1962 erschienenen Buch "Das andere Amerika" die Armut entdeckte, hat sich eine Flut von Untersuchungen mit diesem Phänomen so gründlich befaßt, daß das Gewissen aufgerüttelt wurde. Schon Präsident Lyndon Johnson hatte mit seinen Konzepten von der großen Gesellschaft und vom Feldzug gegen die Armut Abhilfe zu schaffen versucht.

Die große Schicht von rund 30 Millionen Amerikanern mit einem Familieneinkommen (die Familie von vier Personen zugrunde gelegt) unter dem offiziellen Existenzminimum von 3350 Dollar im Jahr setzt sich zusammen aus den armen Farbigen in den Slums der Großstädte, den verelendeten Weißen in den Dauer-Notstandsgebieten, den Appalachen, den Indianern in den Reservaten, den Mexiko-Amerikanern und vielen alten Leuten und Wohlfahrtsempfängern aller Hautfarben. In dieser Schicht gärt es, besonders bei den Negern. Vor allem in den Städten hat dieses Problem viel Sprengstoff angehäuft. Es muß entschärft werden, wenn Amerika nach den Getto-Unruhen nicht noch viel heftigere Explosionen erleben will.

Niemand wollte anfänglich glauben, daß in dieser breiten Armutsschicht viele Menschen wirklich an Hunger leiden und besonders schulpflichtige Kinder vielfach unterernährt sind und daß in einigen Landkreisen der Südstaaten, wie Mississippi und Louisiana, Menschen aus dem farbigen Elendsproletariat so dahinvegetieren wie die Ärmsten in den Entwicklungsländern Asiens und Afrikas. Erst als vor knapp zwei Jahren ein privater Ausschuß auf Betreiben des Gewerkschaftsführers Walter Reuther einen dramatischen Bericht "Hunger – USA" vorlegte, in dem sogar von Fällen des Verhungerns berichtet wurde – in dem Land, das seinen Farmern Milliarden-Prämien für Anbaubeschränkungen zahlt und viele andere Völker mit Lebensmittel-Hilfsprogrammen über Wasser hält – gab es einen Sturm der Entrüstung, in den sich auch viele Stimmen des Zweifels mischten.

Der Zweifel war schon damals kaum berechtigt; denn selbst das Ministerium für Gesundheitswesen, Erziehung und Sozialfürsorge hatte in der gleichen Zeit in mehreren wissenschaftlichen Studien das Auftreten von Hunger und Unterernährung mit beträchtlichen Gesundheitsschäden bestätigt. Auch das Landwirtschaftsministerium hatte darauf verwiesen, daß 1965 ein höherer Prozentsatz von Armen mit einer niedrigeren als der empfohlenen Mindesternährung habe auskommen müssen als 1955.

Der Hunger ist in den USA daher nicht wegzuleugnen, wenn auch der hungernde Personenkreis statistisch nicht einwandfrei erfaßt ist. Präsident Richard Nixon schätzt ihn in einer Botschaft an den Kongreß immerhin auf einige Millionen Menschen. Die Schätzungen basieren auf der Tatsache, daß gegenwärtig rund sieben Millionen Amerikaner mit direkten oder indirekten Lebensmittelspenden – durch das sogenannte "food stamp program" oder durch die Verteilung von staatlich finanzierten Bezugsscheinen zum verbilligten Erwerb von Grundnahrungsmitteln – unterstützt werden. Aber von fünf Millionen bedürftigen Kindern unter sechs Jahren werden nur eine Million vom Staat mit Zusatzkost bedacht.