Von Hans Krieger

Es gibt nichts Verführerischeres als einfache Erklärungen. Vielleicht ist die Verhaltensforschung vor allem darum in den letzten Jahren so populär geworden, weil sie Schlüssel zu liefern scheint, die in viele Schlösser passen. Manche Verhaltensforscher waren mit spekulativen Verallgemeinerungen nicht zimperlich. Dagegen wahrt

S. A. Barnett: "Instinkt und Intelligenz" – Rätsel des tierischen und menschlichen Verhaltens; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 315 S., 24,80 DM

die Askese des empirischen Forschers gegenüber dem beobachtbaren Phänomen und versagt sich Kurzschlüsse vom Tier auf den Menschen selbst dort, wo sie sich förmlich aufdrängen;

Experimente an Katzen haben zum Beispiel ergeben, daß die Entwicklung der "Lernfähigkeit" – die hier zu setzenden Anführungsstriche, die die deutsche Ausgabe im Titel des Werkes leider unterschlägt, stehen für die skrupulöse Vorsicht des Autors gegenüber vorschnellen Analogien – bei Tieren unter anderem davon abhängt, ob sie in früher Kindheit Gelegenheit hatten, ihre Umwelt ausgiebig experimentierend zu erkunden und eine Vielzahl von Reizen nicht nur aufzunehmen, sondern motorisch zu verarbeiten.

Im ersten Teil wird der Leser zunächst einmal mit physiologischen Grundlagen vertraut gemacht. Er erfährt dabei nicht nur, was wir über Aufbau und Funktionsweise des Nervensystems inzwischen einigermaßen wissen, sondern auch, wieviel wir noch nicht wissen – und das ist bedeutend mehr. Ohne gründliche Kenntnis der Steuerungsvorgänge in den Nervenzentren und im endokrinen System lassen sich die schon bei sogenannten niederen Tieren ungeheuer komplexen Verhaltensformen nicht verstehen; sie lassen sich aber darum noch nicht physiologisch "erklären".

Dafür, daß auch umgekehrt durch die im Sozialverhalten der Tiere ausgetauschten Reize physiologische Prozesse tiefgreifend beeinflußt werden, bietet das Buch eine Reihe höchst eindrucksvoller Beispiele: etwa die Selbstregulierung der Fortpflanzungsrate in Rattenpopulationen oder die Anregung des Kropfwachstums bei männlichen Lachtauben durch die Teilnahme am Nestbau und den Anblick des brütenden Weibchens.