Barnett kombiniert nicht Forschungsergebnisse zu ausladenden Theorien, sondern führt den Leser an offene Fragen heran. Er zeigt, daß die Dinge meist bedeutend komplizierter sind, als es – zum Beispiel nach irgendeinem geglückten sensationellen Experiment – den Anschein haben kann. Ein so handlicher Begriff wie "Instinkt" erweist sich als ziemlich inhaltlos, wenn man sieht, wie viele früher als "instinktiv" bezeichnete Verhaltensweisen in ihrer Entwicklung von Umweltreizen in früher Jugend beeinflußt werden. Eine scheinbar so einfache Sache wie der Hunger entpuppt sich als ein höchst vielschichtiges Zusammenspiel von Prozessen, durch die die Nahrungsaufnahme reguliert wird, und läßt sich durch einen "Nahrungstrieb" so wenig erklären wie die Arbeit einer Maschine durch einen "Lokomotionstrieb": Ein experimenteller Eingriff in diese physiologischen Abläufe kann bei übersättigten Tieren endloses Weiterfressen oder bei hungernden Nahrungsverweigerung bewirken.

Mindestens eine negative Anwendung auf den Menschen legt sich hier doch nahe: Begriffe wie "Trieb", die ein Bündel von Phänomenen zusammenfassen, ohne irgend etwas zu erklären, sollten aus der Psychologie eigentlich als unwissenschaftlich verbannt werden. So etwas wie der "Aggressionstrieb" scheint selbst im Tierreich eine hypothetische Konstruktion zu sein, der nicht einmal heuristischer Wert zukommt. Der Beobachtung zugänglich sind lediglich aggressive Verhaltensweisen unter jeweils klar zu definierenden inneren und äußeren Bedingungen: etwa die Verteidigung des Territoriums oder die rituellen Kämpfe zur Herstellung einer sozialen Rangordnung; beides kommt bei vielen, aber durchaus nicht bei allen Tiergattungen vor.

"Die wissenschaftliche Forschung dreht sich fast immer ums Detail", schreibt Barnett. So entschieden er aber darauf besteht, Erkenntnis in meßbaren Daten auszudrücken, so vergißt er doch nie, daß damit nicht eine "philosophische", sondern eine methodische Entscheidung getroffen ist, eine Entscheidung zugunsten von Fragestellungen, die zu nachprüfbaren Ergebnissen führen. Der in der asketischen Selbstbescheidung des Wissenschaftlers lauernden Versuchung zu künstlicher Blickfeldverengung erliegt er nicht.

Dieses Buch des renommierten Glasgower Professors ist ein schönes Beispiel dafür, daß es Forschern durchaus möglich ist, den Laien nicht nur an den gerade als gesichert geltenden Erkenntnissen ihres Fachgebietes, sondern auch an seinen offenen Fragen, seinen theoretischen Schwierigkeiten und methodischen Problemen teilhaben zu lassen.