Folgte ich der Überzeugung meines Gastes, so müßte ich auf Seiten von "Underground" stehen. Denn es geht ja schließlich um das Recht auf Informationen. Wir wollen wissen, was geschieht. Wir haben Anspruch darauf.

Mir scheint, daß wir übereinander erstaunt waren, mein junger, mir sehr lieber Gast und ich. Er war informiert. Er wußte, daß der Titel "Underground" einer überregionalen Zeitschrift gehört, die für Schüler gemacht wird, für höhere Schüler, sonst hieße sie ja vielleicht "Untergrund". Dort nun war der Bericht eines jungen Journalisten zu lesen, der zur Beichte gegangen war und sexuelle Nöte dargetan hatte. Die Worte der Beichtiger, deren Namen mitgeteilt waren, machten dann den Inhalt seiner Reportage aus.

Na, und?

Schön der Ausdruck "zur Beichte gegangen" störte mich. In Wirklichkeit war der Reporter in Beichtstühle gegangen und dort niedergekniet. Aber lassen wir das! Für Katholiken ist die Beichte ein Sakrament, und sie bleibt es auch dann, wenn der Beichtvater versagen sollte. Aber das war jetzt das Thema nicht. Das Thema hieß:

Recht der Demokraten auf Informationen und Pflicht der demokratischen Journalisten, sie zu beschaffen. Die Frage ist: Hat dieses Recht, hat diese Pflicht Grenzen, etwa moralische? Und wo liegen sie?

Mein Gast mißtraute dem Wort "Moral", das sich so leicht für etwas einstellt, was man schwer begründen kann. Wenn die Beichtiger dummes Zeug reden, wenn sie gar von ihren Oberen beauftragt sind, das Kirchenvolk unter einer ("moralischen") Knute zu halten, so kann die eigentliche, die "höhere" Moral durchaus auf Seiten dessen liegen, der die Tabus bricht und die Geheimnisse aufklärt. "Wir wollen dabei annehmen", so sagte mein Gast, "daß der Underground-Reporter objektiv berichtet hat."

Dies sei angenommen! Dann hätten wir es mit-jenem Satz zu tun, der den Jesuiten zugeschrieben wird (diese wehren sich allerdings dagegen): "Der Zweck heiligt die Mittel." Wie ich diesen Spruch hasse! Umgekehrt laß’ ich ihn gelten: Am angewandten guten Mittel erkenne ich am ehesten den guten Zweck. Hier aber hat sich jemand in Beichtstühle eingeschlichen. Und tat er’s nicht etwa zu dem Zweck, den wehrlosen Beichtvater; "auf den Rücken zu legen":