Der Beschluß der Bundesregierung, die Deutsche Mark nicht aufzuwerten, hat die Unruhe auf den Devisenmärkten gedämpft, zugleich aber auch eine tiefe Kluft in der Großen Koalition aufgerissen und die Wahllokomotive der SPD, Wirtschaftsminister Schiller, vorübergehend gestoppt.

Regierungssprecher Diehl berichtete vor der Presse, daß allein am Montag rund 2,4 Milliarden Mark fremder Valuta wieder abgeflossen seien, die in den letzten Wochen als Spekulationsgelder in die Bundesrepublik hineingeströmt waren. Die Devisenbörsen verzeichneten die erwartete Abschwächung der Mark.

Der Ältestenrat des Bundestages sah sich gezwungen, den Spannungen in der Großen Koalition Rechnung zu tragen. Kontroverse Themen – wie die Debatte über das Weißbuch des CDU-Ministers Schröder zur Verteidigungspolitik und die SPD-Anfrage zur wirtschaftlichen Lage im Saarland – wurden von der Tagesordnung des Parlaments abgesetzt und auf die Zeit nach Pfingsten verschoben.

Unterdessen hielt der Disput über die währungspolitische Lage auch nach dem Bonner Votum an. Das Ausland reagierte relativ gelassen, wenn auch in Washington ärgerliche Töne inoffiziell nicht unterdrückt wurden. Bundeskanzler Kiesinger und Regierungssprecher Diehl sahen sich genötigt, den Nichtaufwertungsbeschluß schon am Montag erneut als unwiderruflich zu bekräftigen.

Als "endgültig, eindeutig und auf ewig" hatte der Stellvertretende Regierungssprecher Ahlers die Kabinettsentscheidung schon am Freitagabend voriger Woche bezeichnet. Es bestehe auch keine Bereitschaft mehr, den Wechselkurs der D-Mark im Rahmen einer multilateralen Aktion zu ändern. Mit diesen Worten setzte Ahlers den vorläufigen Schlußpunkt unter einen währungspolitischen Koalitionsstreit, den sachliche Erwägungen in Gang gebracht hatten, den zuletzt aber fast nur noch wahltaktische Überlegungen bestimmten.

Die Entscheidung gegen eine Aufwertung und damit zugleich gegen deren ferventesten Fürsprecher Schiller war praktisch schon am Donnerstag gefallen, als sich der Vorstand der CDU/CSU-Fraktion gegen den Wirtschaftsminister einschwor. Als dessen Antipode fungierte Finanzminister Strauß, der heftige Rivalität zu seinem Kabinettskollegen empfindet ("Dieser aufgeblasene Professor denkt, ich sei ein kleiner Student.").

Kiesinger, den die exportabhängige Industrie unter Führung des Bankiers Abs gegen eine Aufwertung festzulegen versuchte, war bis Donnerstagabend unschlüssig. Den Ausschlag gaben schließlich seine Aversion gegen die Währungsspekulanten, die sich von den rund 16 Milliarden Mark "heißen Geldes", das sie innerhalb weniger Wochen in die Bundesrepublik gepumpt hatten, einen Aufwertungsgewinn von etwa 1,5 Milliarden Mark versprachen, seine Furcht, die von einer Aufwertung besonders hart getroffenen Bauern würden bei der Bundestagswahl zur NPD abwandern und eine Blitzumfrage des Wickert-Instituts, 87 Prozent der Bundesbürger seien gegen eine einseitige Änderung der DM-Parität.