"Zum Selbstverständnis des Nouveau Roman – Plädoyer für eine neue Literatur", herausgegeben von Kurt Neff. Der Nouveau Roman in der Theorie seiner berühmtesten Autoren: Nathalie Sarraute, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor – das ist Inhalt der hier nach deutschen Ausgaben ausgewählten elf essayistischen oder manifestartigen Schriften dieser drei, in denen sich gemeinsame Thesen einer "Schule", aber nicht minder ihre persönlichen und künstlerischen Unterschiede ausdrücken. Vorangestellt wurde ein Essay des traditionsverbundenen Wladimir Weidle aus einem gleichfalls deutsch bereits vorliegenden Buch, das bedeutender ist, als dieses eine Kapitel vermuten ließe, in welchem sogar Céline aus dem Bereich der diskutierbaren Literatur verbannt wird. Zugleich formuliert jedoch Weidle den Verzicht der Neuerer auf jede "Nachbildung" von Wirklichkeit. Durch Briefe von Gustave Flaubert wird am Schluß gezeigt, wie das Streben des Romans über sich hinaus schon früh zu einem Bruch mit der Tradition geführt hatte. Im einsichtsvollen, gut informierenden Nachwort von Kurt Neff las ich verwundert, Ausgangspunkt der modernen Kunst – auch des Nouveau Roman – sei die "konkrete gesellschaftliche Situation". Diese Kunst kenne "kein anderes Ziel, als an der Klärung und Verbesserung dieser Situation mitzuwirken". Weder die Werke noch die hier vorgelegten Theorien der "Schule" hätten mich je auf die Idee gebracht, eben dieses sei ihr Ziel – und noch dazu ihr einziges Ziel. Politische Fortschrittlichkeit und künstlerischer Avantgardismus lassen sich leider viel seltener unter einen Hut bringen, als manche Wohlgesinnte meinen, die – mit gutem Recht! – beides schätzen. (Sonderreihe dtv 71; 3,80 DM) François Bondy

"Delphin über schwarzem Grund", Roman von Mary Stewart. Der Rahmen ist luxuriös: ein Schloß und Villen auf Korfu, kilometerweite Badestrände ganz privat. Die Menschen sind entsprechend dekorativ: die Eingeborenen in Nationaltracht, treu, derb, bescheiden und so herrlich wild in ihrer Leidenschaft, die Engländer lässig, bedeutend, elegant und auch zu Verbrechern höflich, die Heldin eminent liebenswert und natürlich mutig wie eine Engländerin; selbst der Fast-Mörder ist gepflegt und geistreich, er paßt mit auf die Schloßterrassen und ist nur zum Schluß etwas brutal. Dieses geschmackvolle Arrangement der Charaktere und die weise Beschränkung der Schauplätze auf Urlaub-Ähnliches, die moderat spannende Handlung mit mehr Geheimnis als Blut, die Verquickung mit einer Liebesgeschichte – das alles macht die Krimis der Mary Stewart so typisch. Poetische Ferne und poetische Gerechtigkeit beseitigen jeden Zweifel, daß es hier um Wirklichkeit ginge. (Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 320 S., 19,80 DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt

"Sechzehn Haikus" von Giorgos Seferis. Sie sind in einer Reihe erschienen, die sich in programmatischem Latein "ars poetica" nennt. Dementsprechend ist die Aufmachung des Bandes. Der Verlag hat keine Mühe gescheut, die achtundvierzig Zeilen dieser sechzehn Haikus, die bequem auf einem losen Blatt von Luchterhand unterzubringen wären, zu einem Buch aufquellen zu lassen. Daraus spricht eine altväterisch-submisse Ehrfurcht vor dem Dichterwort, und das, wo seit zwei Jahren in Griechenland Diktatur herrscht, seit zwei Jahren dort im Namen der hellenisch-christlichen Kultur Menschen gefoltert werden – und der Übersetzer Günter Dietz entblödet sich nicht, den Griechen Seferis mit dezidiert belanglosen Haikus vorzustellen, von denen er allen Ernstes sagt, sie machten "das Netz der Existenz sichtbar..., in das wir verstrickt sind und in dem wir uns fast schon zu wohl fühlen". Kultur? Ein Hohn. (Horst Heiderhoff Verlag, Frankfurt; 45 S., 10,50 DM) Helmut Salzinger

"Das sexuelle Verhalten junger Leute" von Michael Schofield. Das Buch ist die deutsche Erstveröffentlichung einer Untersuchung, die das britische Central Council for Health Education an fast zweitausend fünfzehn- bis neunzehnjährigen Jungen und Mädchen in England vornehmen ließ. Daß die Leitung des Projekts einem Psychologen übertragen wurde, erwies sich als vorteilhaft: Die Studie, die anfangs nur klären sollte, ob und inwieweit die Zunahme von Geschlechtskrankheiten auf die Sexualbeziehungen von Jugendlichen zurückzuführen ist, wurde derart erweitert, daß nun nicht nur Daten über Häufigkeit und Intensität der sexuellen Kontakte von Jugendlichen, sondern auch über deren psychischen und sozialen Hintergrund vorliegen. Dabei genügt es Schofield, Korrelationen aufzuzeigen; er vermeidet es, Sexualverhalten und sozialpsychologische Einflüsse verschiedenster Art in vorerst nur zu vermutende Kausalzusammenhänge zu pressen, (sexologie 8017/18, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 238 S., 4,80 DM) Elena Schöfer

"Lebensgeschichte" von Johann Heinrich Jung gen. Stilling, herausgegeben von Karl Otto Conrady. "Das Handwerk stunk ihm an", und so wurde der Schneidergeselle, entlassene Schulmeister und gescheiterte Hauslehrer Jung (1740–1817) zum "ganz außerordentlich gesegneten" Staroperateur, Professor der Kameralwissenschaft, Geheimen Hofrat und Verfasser seinerzeit vielgelesener Erbauungsschriften. Diese Karriere erschien ihm so erstaunlich, daß er, den Pietisten nahestehend und selber ein "Wiedergeborener", aus seiner Vita einen Gottesbeweis ableitete, indem er in ihr die "pur freie Verfügung der Vorsehung" sah: "Der Herr räumte auf eine herrliche und göttliche Weise die Hindernisse aus dem Weg – auf eine herrliche und göttliche Weise bezahlte er meine Schulden." Elend, Irrwege und Rückschläge erweisen sich ihm rückschauend als "Läuterungen". Goethe fand an der "Natürlichkeit und Naivetät" seines Tischpartners im Straßburger "Kosthause" Gefallen, regte die Niederschrift der Lebensgeschichte an, in der seiner mehrfach als eines "ausgezeichneten Menschen" gedacht wird ("Der Edle sprang hoch in in die Höhe"), und beförderte den ersten Teil der (insgesamt sechs Bücher umfassenden) nur notdürftig kaschierten Autobiographie "ohne Wissen und Wollen" des Verfassers zum Druck. Das Werk machte "unglaubliche Sensation" – und mutet heute mit seiner Mischung von Realistik und Mystizismus, seiner outrierten Innerlichkeit und Ohnmachtsfreudigkeit, seinen Angriffen gegen Aufklärung und "unbändigste Sittenlosigkeit" der Epoche eher kurios an, ist aber in seiner Unmittelbarkeit ein nicht nur literarhistorisch interessantes Zeitdokument, (rk 516/517, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 251 S., 3,80 DM) Rainer Zimmer