Am 26. März 1943 wurden die Ermittlungen fortgesetzt. Nachdem an diesem Abend in der Zeit von 20.00 bis 21.45 Uhr die Ermittlungen verschiedentlich unterbrochen werden mußten, konnte T. um 22.00 Uhr ganz einwandfrei des Abhörens der englischen Nachrichten in deutscher Sprache überführt werden..."

Der unselige Schwarzhörer wurde vom Hanseatischen Sondergericht in Hamburg zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Aktenzitat ist einer neuen Geschichte der deutschen Kriegssendungen der BBC entnommen:

Carl Brinitzer: "Hier spricht London. Von einem, der dabei war"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1969; 340 Seiten, 24,– DM.

Merkwürdigerweise hatte dieser faszinierende Aspekt des Krieges vorher keinen Chronisten gefunden. Zwar lag Bernhard Witteks pedantisch gewissenhafte Analyse Der britische Ätherkrieg gegen das Dritte Reich vor sowie die in einem amerikanischen Universitätsverlag erschienene ausgezeichnete Studie Goebbels and National Socialist Propaganda des Historikers Ernest K. Bramstedt, der den Londoner Kriegssendungen einige Kapitel gewidmet hat. Aber diese beiden Autoren waren Außenseiter gewesen; kein BBC-Mann hatte es bisher auf sich genommen, den "Kampf um die Seele des deutschen Volkes" zu schildern, der vom Londoner Sender geführt wurde, den Durchbruch durch die ideologische Quarantäne, die die Nazidiktatur über Deutschland und Europa verhängt hatte. Daß trotz Gestapoterror, Gefängnis- und Todesstrafen Millionen Deutsche die britischen Sendungen hörten, daß sie zumindest in den letzten zwei Kriegsjahren dem "Feindsender" größeres Vertrauen schenkten als der eigenen Regierung, zeigt eindrucksvoll, um wieviel früher der politische Zusammenbruch des Dritten Reichs erfolgte als der militärische.

Brinitzer war nahezu vom Anfang der deutschen BBC-Sendungen an Übersetzer und Nachrichtensprecher und in der zweiten Kriegshälfte Leiter des Übersetzungsteams. Er selbst nennt sein Buch eine "vielleicht etwas seltsam anmutende Mischung aus Autobiographie und einer Geschichte des Propagandakrieges zwischen Goebbels und der BBC". Die Seltsamkeit soll nicht bestritten werden. Die Mischung ist bunter, als man sie von einem Werk erwartet, das auf Seriosität Anspruch erhebt.

Man sucht vergeblich nach einer ernsten Untersuchung der Probleme und des Konzepts einer präzedenzlosen Kriegführung in einer völlig neuen Dimension, der Schwierigkeiten eines Landes, das jeder Form der Propaganda, selbst der eigenen, mit tief eingefleischtem Mißtrauen gegenübersteht und dennoch die gewaltigste Propagandamaschine aller Zeiten in die Schranken forderte, oder nach einer Darstellung des komplizierten Zusammenspiels der eifersüchtig ihre Unabhängigkeit verteidigenden BBC mit neuen Planungsorganen. Mag sein, daß der Autor in seiner relativ untergeordneten Stellung einfach keinen Einblick in die faszinierende Problematik der Koordination und Strategie der psychologischen Kriegführung hatte und sie daher ignorierte, wiewohl er in anderer Hinsicht keine solche Reserve an den Tag legt.

Statt dessen erhalten wir eine mit Dokumentationen verschiedenster Art durchspickte Anekdotensammlung vorgesetzt, belanglosen, manchmal maliziösen Kulissenklatsch mit Hinweisen auf das grausige Drama, das sich unterdessen auf der Bühne selbt abspielte. Man mag geteilter Meinung darüber sein, ob diese nur allzu häufig in die private Sphäre hineinreichenden autobiographischen Reminiszenzen heute überhaupt noch interessieren. Aber solche Plaudereien machen oft die Lesbarkeit eines Buches aus, sie können wertvoll sein, wenn sie Persönlichkeiten und Situationen schlaglichtartig beleuchten. Das gelingt dem Autor gelegentlich.