Die "Lidl"-Akademie, Düsseldorf, hatte gebeten. Zu einer Arbeitswoche vom 5. bis 10. Mai, auf der die Funktion der Kunsthochschulen, die Funktion der Kunstpädagogik und die Funktion der künstlerischen Arbeiten diskutiert werden sollten. Informiert von dieser Veranstaltung wurden die AStA-Vertreter aller Kunsthochschulen (die die Einladung durchweg am Informationsbrett aushängten); außerdem, so ein Verteiler ist das halbe Akademie-Leben, "Vertreter der SDS-Ausschüsse Kultur und Revolution, Schülergruppen, Lehrergruppen, Lehrer, Vertreter der Gewerkschaft, Forschung und Wissenschaft, Experimentiergruppen, Exponenten der kulturellen Bewegung, Vertreter der kulturellen Institutionen, Vertreter des VDS und Kunststudenten aller Fachbereiche".

Nur denjenigen, in dessen Haus man geladen hatte, hatte man zu informieren vergessen: Eduard Trier, den Direktor der Düsseldorfer Akademie. Ansonsten aber hatte Jörg Immendorff, ein ehemaliger Akademie-Student und ewiger Beuys-Schüler, "Lidl"-Gründer und Initiator der Woche, durchaus an alles gedacht: "Bitte Luftmatratzen, Decken etc. mitbringen. Essen eventuell in der Mensa der Kunstakademie, sonst werden Kochmöglichkeiten auf den Gängen der Kunstakademie eingerichtet."

Eduard Trier, der von der geplanten Arbeitswoche und der Erweiterung der Akademie zu einer Herberge mit begrenzten Verpflegungsmöglichkeiten erfuhr, versuchte einen Tag vor Veranstaltungsbeginn durch ein Gespräch mit Immendorff, den Einzug der Luftmatratzenbesitzer zu verhindern. Als ihm das nicht gelang, verlegte er seinen Arbeitsbeginn für den nächsten Tag auf sieben Uhr morgens. Der Tag wurde dann noch recht lang. Als abends trotz wiederholter Aufforderung die Teilnehmer der Arbeitswoche sich nicht imstande sahen, die Tätigkeit abzubrechen (es wurde musiziert, marmeladegefüllte "Trier-Torten" wurden verkauft und Flugblätter mit streng auf die Fäkal-Sphäre begrenztem Vokabular verteilt) und ihre Wirkungsstätte zu verlassen, wurde um 20.30 Uhr die Akademie auf Triers Initiative hin durch die Polizei geräumt.

Am nächsten Tag spielte sich, trotz Ausweiskontrolle, dasselbe noch einmal ab: Einzug der Lidlianer, die sich vorwiegend in den Fluren und in der Beuys-Klasse niederließen (am Vortag war der Meister selber trotz großer Hitze im Eisbärfell erschienen), an diesem Tag allerdings schon um 19 Uhr das Gelände zu räumen hatten.

Am Mittwochvormittag wollte Trier das Gebäude zwecks Reinigung und wegen Überbeanspruchung des Personals geschlossen halten. Minister Holthoff entschied dann mit ihm gemeinsam, daß es bis auf weiteres für Studenten und Professoren überhaupt geschlossen bleiben sollte. Der AStA beantragte eine Einstweilige Verfügung gegen die Schließung.

Die "Lidl"-Akademie jedoch kann ihre Arbeitswoche als erfolgreich beendet betrachten: Die verschiedenen Themen wurden durch konsequente Abschaffung derselben erledigt. Und weil alles so gut klappte, will Jörg Immendorff die Aktion verlängern. Leute, die mitspielen, gibt es, wie man sah, ja auf beiden Seiten genug.

Petra Kipphoff