Mehr als 1,5 Milliarden Mark hätten gespart werden können. Aber man verzichtete auf die günstige Gelegenheit, diese astronomische Summe zurückzuhalten: Rund 400 Millionen Dollar – das ist der Preis, den die Amerikaner für den nächsten bemannten Raumflug aufbringen müssen. Das Unternehmen Apollo 10 beginnt am kommenden Sonntag.

"Wir brauchen Apollo 10 nicht." Das hatten führende Wissenschaftler der amerikanischen Luft- und Raumfahrt-Behörde NASA noch im März dieses Jahres erklärt, nachdem das Unternehmen Apollo 9, die zehntägige Erprobung des Mondschiffs und des Mondlandebootes in einer Erdumlaufbahn, so erfolgreich verlaufen war. Sie wiesen darauf hin, daß sich eine Zuverlässigkeitsstatistik erst nach vielen Dutzenden weiterer Flüge aufstellen lassen würde. Und sie meinten, ein weiterer Flug vor der eigentlichen Mondlandung würde das Risiko der Mondlandung selbst nicht verringern. Ein Weglassen von Apollo 10, so wurde argumentiert, würde neben der Geld- auch eine Zeitersparnis bringen: Bereits am 20. Juni könne man dann auf unserem Nachtgestirn landen.

Doch am 24. März 1969 entschied die "National Aeronautics and Space Administration" aus Sicherheitsgründen dann endgültig, daß Apollo 10 doch gestartet werden soll. Und zwar am 18. Mai, nicht schon – wie es in der langfristigen Planung vorgesehen war – am 17. Mai. Durch diese Verschiebung um einen Tag gibt man den Astronauten Thomas Stafford; John Young und Eugene Cernan die Möglichkeit, noch einen weiteren Landeplatz auf dem Mond zu beobachten und zu photographieren, was bei einem Start am 17. Mai wegen ungünstiger Lichtverhältnisse auf dem Erdtrabanten nicht möglich wäre.

Apollo 10 ist die Generalprobe für die – so der Direktor der NASA, Dr. Thomas Paine – "Eroberung des siebenten Kontinents". Der Start ist für 17.49 MEZ (11.49 Ortszeit) vorgesehen. Zwei- bis dreimal werden die Astronauten um die Erde kreisen, nachdem sie die mächtigste Trägerrakete der Welt, die – ohne Raumschiff – etwa 85 Meter hohe Saturn V Wernher von Brauns, in weniger als einer Viertelstunde auf ihre Umlaufbahn gebracht hat. Bei der zweiten oder dritten Erdumkreisung wird das Apollo-Fahrzeug von der dritten Raketenstufe beschleunigt und geht dann mit etwa 40 000 Stundenkilometern auf Mondkurs.

Nach drei Tagen wird der Mond erreicht, den Apollo im Abstand von etwa 110 Kilometern umkreisen wird, so wie es Apollo 8 im Dezember 1968 vorexerziert hat. Der entscheidende Unterschied zum weihnachtlichen Mond-Rundflug ist, daß Apollo 10 jenes spinnenbeinige Mondlandegerät mitführt, das bei Apollo 8 noch fehlte.

Erst in Mondnähe wird das Mondlandeboot – "Lunar Module" oder kurz LM – aus der dritten Stufe der Saturn-V-Rakete herausgezogen und mit dem eigentlichen Raumschiff verbunden. Danach wird die dritte Stufe der Saturn V, die jetzt keine Nutzlast mehr trägt, noch einmal von der Erde per Funkbefehl gezündet und am Mond vorbei in eine Kreisbahn um die Sonne geschickt.

Für die ersten 29 Stunden auf der Mondumlaufbahn ist nichts Sensationelles zu erwarten. Doch dann werden Stafford und Cernan aus dem Mutterschiff in das "Lunar Module" kriechen und es abkoppeln. Währenddessen steuert Young weiterhin die dreisitzige Apollo-Kommandokapsel. Stafford und Cernan feuern ihr sogenanntes Abstiegstriebwerk (descent engine) und nähern sich zweimal der Mondoberfläche bis auf fünfzehn Kilometer. Aus dieser Höhe sollen nun Stafford und Cernan die zweite von jenen fünf Landestellen erkunden und photographieren, die von der NASA für die Mondlandung bestimmt worden sind. Dieser Landeplatz liegt in der Nähe des mare tranquilitatis ("Meer der Ruhe") im östlichen Teil der Mondvorderseite.

Acht Stunden lang wird das Mondlandungsboot selbständig operieren. Während dieser Zeit umkreist das Mutterschiff, von John Young gesteuert, viermal allein den Mond. Danach koppelt sich das "Lunar Module" wieder an das Mutterfahrzeug an, Stafford und Cernan steigen wieder um zu ihrem Kameraden Young, das Mondboot wird abgestoßen und bleibt in der Mondumlaufbahn zurück, während das Weltraum-Trio nach weiteren zehn Mondumkreisungen zur Erde zurückfliegt. Am 26. Mai soll es im Pazifik, südwestlich von Hawaii, landen. Anatol Johansen