Schon seit dem Frühherbst des vergangenen Jahres gibt es für die maßgeblichen Kapitalanleger in der Bundesrepublik das Problem der Mark-Aufwertung. Alle wußten, daß das Jahr 1968 bei den meisten Unternehmen zu einer Gewinnexplosion führen Würde und daß der Gewinnanstieg – zwar verlangsamt – 1969 weitergeht. Dennoch kam im letzten Quartal 1968 die generelle Aufwärtsbewegung der deutschen Aktienkurse zum Stehen. Das Ungleichgewicht der Wechselkurse drängte zur Entscheidung. Daß dabei schließlich für die Mark ein Aufwertungseffekt herauskommen wird, liegt auf der Hand.

Das rechtzeitige Anhalten des deutschen Hausse-Zuges hat sich schon mehrfach bezahlt gemacht. So bei der Bonner Währungskonferenz im November und jetzt wieder in der vergangenen Woche. Damals wie heute haben die Kapitalanleger besonnen und gelassen reagiert. Sie wissen daß die deutschen Aktienkurse "nicht voll ausgereizt" sind, sondern die Möglichkeit künftiger Ertragsschmälerungen der Industrie durch eine Wechselkursänderung bereits einkalkuliert ist.

Das bedeutet nicht, daß wir ruhige Börsenwochen vor uns haben. In der vergangenen Woche sind noch größere Beträge vom Ausland in die deutschen Renten und Aktien geflossen, nicht zuletzt in der Hoffnung, dort einen Aufwertungsgewinn kassieren zu können. Noch läßt sich nicht übersehen, ob diese Gelder, die ja von den "flankierenden Maßnahmen" nicht unmittelbar betroffen werden, jetzt wieder abfließen oder ob sie nicht bis zur endgültigen Regelung der internationalen Währungsprobleme in der Bundesrepublik bleiben.

In den hochverzinslichen Mark-Auslandsanleihen fühlen sich die Länder gut aufgehoben, obwohl sie auf dem Euro-Dollar-Markt zur Zeit höhere Zinserlöse erzielen können. Aber der Zinsverzicht von 2 bis 3 Prozent wird in Kauf genommen weil nach Ansicht internationaler Finanzkreise das von der Bundesregierung am Freitag vergangener Woche geschaffene Interregnum entweder schon im Juni oder spätestens Ende des Jahres, also nach den Bundestagswahlen, beendet sein wird.

Die deutschen Anleger gehen davon aus, daß nach einer Mark-Aufwertung, besonders wenn sie über 6 bis 7 Prozent hinausgehen sollte, ein neues Investitionsprogramm zur Belebung der innerdeutschen Konjunktur in Kraft gesetzt werden wird. Schlimmstenfalls würde die deutsche Wirtschaft, so meint man, nur ein Hochtal zu durchschreiten haben.

Aber auch diese relativ günstige Perspektive zwingt zu einer Neuorientierung der Anlagepolitik. Davon profitierten in den letzten Tagen die Aktien der Versorgungswerke, die als weitgehend konjunkturunempfindlich gelten. Noch nicht ganz zu übersehen sind die Gründe für die bemerkenswerte Kursstabilität der Großchemie-Aktien. War sie lediglich eine Folge der Ausländerkäufe? Oder geht sie auf das günstige Echo zurück, das auf die Veröffentlichung der Jahresabschlüsse folgte? Es ist aber ebenso möglich, daß die von Jahr zu Jahr stärker gewordene Internationalität der Chemie-Konzerne die Ursache war. Denn wer international produziert und verkauft, hat unter Wechselkursänderungen weniger zu leiden als Unternehmen, die im Ausland über keine oder nur wenige Fabrikationsstätten verfügen.

Das Volkswagenwerk mit seinem hohen Exportanteil wird begreiflicherweise in den Börsensälen besonders kritisch betrachtet. Angesichts der harten Konkurrenz auf dem US-Markt dürfte es schwerfallen, in den USA die neue Exportbelastung auf die VW-Verkaufspreise abzuwälzen. In vielen europäischen Ländern ist es nicht einmal gelungen, die vier Prozent Exportsteuer aufzuschlagen, die von der Bundesregierung im November eingeführt worden ist.

Erstaunlich ist die Zurückhaltung gegenüber den Kaufhausaktien, obwohl Kaufhäuser von Aufwertungen direkt nicht betroffen werden können. Kaufhausaktien, leiden zur Zeit darunter, daß ihre Gewinnzuwachsraten weit hinter der übrigen Wirtschaft nachhinken. Aber dafür gibt es eine einfache Begründung: Die Gewinnmargen waren in den "schwachen" Jahren 1966 und 1967 kaum zurückgegangen. Die in den nächsten Monaten stetig steigende Massenkaufkraft wird trotz der wachsenden Konkurrenz im Einzelhandel die Kassen der Warenhäuser wieder klingeln lassen. K. W.