Der Bundeswirtschaftsminister ist fest entschlössen, die Gunst der Stunde zu nutzen und den Erfolg von Hannover auszubauen. Das Rendezvous von Professor Schiller mit dem sowjetischen Außenhandelsminister Nicolai Semjonow Patolitschew war der Messe-Hit von Hannover; jetzt soll die Bonner Mannschaft des Ministers daraus einen Evergreen machen.

Schiller bescheinigte dem Gespräch von Hannover eine "freundschaftliche Atmosphäre". Schon daß diese Begegnung überhaupt stattfand, war eine kleine Sensation. Denn seit Jahren gibt es in der Handelspolitik der beiden Länder keinen Dialog mehr.

Der letzte offizielle Kontakt eines deutschen Wirtschaftsministers mit einem Moskauer Kollegen hatte im Tauwetterjahr 1958 stattgefunden. Das aus dem gleichen Jahr datierende – letzte – Handelsabkommen der Bundesrepublik mit der Sowjetunion trägt die Unterschriften Ludwig Erhard und Anastas Mikojan. Jetzt sind die Nachfolger bemüht, eine neue Ära der Handelskontakte zu schaffen und vor allem einen neuen Handelskontrakt anzuvisieren.

Geregelte Handelsbeziehungen zwischen Bonn und Moskau gibt es seit 1963 nicht mehr. Damals hatte das von der Adenauer-Regierung auf einen Wink der NATO erlassene Ausfuhrverbot für Großrohre den Handelsdraht zwischen Bonn und Moskau jäh reißen lassen.

Die deutschen Röhrenproduzenten Thyssen, Mannesmann und Hoesch mußten aus einem gerade angelaufenen Geschäft über 136 000 t Großrohre für die Sowjetunion unverzüglich aussteigen und sich in Moskau mit Recht den ärgerlichen Vorwurf kontraktbrüchiger Partner gefallen lassen. Die Bundesregierung wurde bezichtigt, einen "räuberischen Wirtschaftskrieg" zu führen.

Das Röhrenembargo wurde damals mit strategischen Notwendigkeiten begründet. Von den Befürchtungen der mächtigen amerikanischen Ölkonzerne, die um ihre marktbeherrschenden Positionen in Europa bangten, war offiziell nicht die Rede.

Jedenfalls handelte sich die Bundesregierung mit ihrer Rolle als allzu folgsamer Schüler des großen Meisters aus Übersee nichts als Ärger ein, der zudem noch völlig sinnlos war. Tatsächlich bestand der einzige Effekt der Röhrensperre – die 1966 von der NATO wieder aufgehoben wurde – darin, daß Bonn vom anerkannten Vertragspartner der Sowjetunion zum Kalten Krieger abstieg. Den Sowjets boten sich andere . Rohrlieferanten, vor allem schwedische und japanische Konzerne, bereitwillig an. Zudem avancierte die Sowjetunion inzwischen durch einen forcierten Ausbau ihrer eigenen Produktion zum größten Röhrenhersteller der Welt.