Von Nina Grunenberg

Jeder Kultusminister, der auf das Prädikat "progressiv" wert legt, hat seit Jahren das Projekt der Gesamtschule im Reisegepäck und versäumt keine Gelegenheit, ihm einige wohlwollende Worte zu widmen. Aber auch diejenigen seiner Kollegen, die das Beiwort "konservativ" noch für einen Schmuck halten und nicht für eine Verbalinjurie, lassen, die Gesamtschulpläne nicht aus den Augen, allerdings nur, um rechtzeitig den Anfängen wehren zu können.

Die Gesamtschule, bei der es im wesentlichen um die Aufhebung des bestehenden dreistufigen Schulsystems (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) zugunsten eines Kurssystems geht, das allen Schülern angeboten wird, ist in der Bundesrepublik noch ein bildungspolitischer Zankapfel. Die Meinungen über ihn sind durch zwei extreme Positionen gekennzeichnet.

Als Exponent der einen Seite gilt der Berliner Schulsenator Ewers (SPD), dessen Haltung zur Gesamtschule sich etwa mit den Worten umschreiben läßt: "Wer dagegen ist, ist ein Reaktionär." Die Gegenposition vertritt der bayerische Kultusminister Huber (CSU), für den die Gesamtschule offenbar der Anfang der geistigen Enteignung ist.

Es scheint indessen, als verlören die Gegner der comprehensive school, über die in vergleichbaren Industrienationen schon lange und intensive Erfahrungen vorliegen, zunehmend an Boden. Ein deutliches Zeichen dafür sind die Empfehlungen der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates zur "Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen", die in der vorigen Woche veröffentlicht wurden. Die Bildungskommission schlägt darin vor, 40 Gesamtschulen zu errichten, und zwar sowohl in Städten von verschiedener Größenklasse als auch in ländlichen Gebieten.

Damit setzte sich für die Gesamtschule zum erstenmal ein bildungspolitisches Gremium ein, dem von Bund und Ländern die Aufgabe gestellt wurde, einen Bildungsplan zu entwickeln, und von dessen Mitgliedern dennoch nicht behauptet werden kann, sie stünden im Geruch unmäßiger Fortschrittlichkeit. Der Vorsitzende des Bildungsrates, Professor Karl Dietrich Erdmann, wie auch sein Stellvertreter, der Politologe Hans Maier, gelten eher als konservativ. Daß es dem Unterausschuß, der die Empfehlungen unter dem Vorsitz von Hellmuth Becker, Direktor des Instituts für Bildungsforschung in Berlin, ausarbeitete, dennoch gelang, sie auf die betonten gesellschaftspolitischen Intentionen des Schulversuch-Programms zu verpflichten, ist das Ergebnis von Diskussionen, die sich über mehr als ein Jahr erstreckten.

Für die Befürworter der Gesamtschule erwies sich in der Diskussion als stichhaltiges Argument die im Grundgesetz geforderte Chancengleichheit für alle – eine Forderung, der auch Persönlichkeiten konservativer Prägung guten Gewissens nicht mehr ausweichen können. "Die frühe Auslese im gegenwärtigen Schulsystem", so heißt es in den Empfehlungen, "führt dazu, daß selbst dort, wo es gelingt, durch Bildungswerbung Eltern und Kinder aus den unteren Sozialschichten für den weiterführenden Schulbesuch zu gewinnen, sehr viele dieser Schüler an den Leistungsanforderungen des gegenwärtigen Schulsystems scheitern. Ursache dieses Scheiterns ist vermutlich in vielen Fällen die ungenügende psychologische und pädagogische Vorbereitung für einen weiterführenden Schulbesuch und die Tatsache, daß Strukturen, Inhalte und Leistungsnormen der traditionellen höheren Schule sehr einseitig auf die Fähigkeiten der Kinder aus den sozialen Mittel- und Oberschichten abgestellt sind."