Von Ernst Wilhelm Grat Lynar

Sie verkörpern beide Ungeheuerliches, das den Lauf der Geschichte zu sprengen scheint. Sie passen deshalb beide nicht so recht in ihre Zeit. Beide haben sie Trümmer hinterlassen, der eine, Friedrich Nietzsche, in seiner Philosophie und Hitler, der andere, im Kriege. Was lag näher, als dem Gemeinsamen beider nachzugehen und im einen, dem gewalttätigen Philosophen, den geistigen Urheber der Gewalttaten des anderen, des Politikers, zu entdecken. Ein nicht besonders neuartiger Versuch, der aber in diesem Frühjahr abermals mit fast pathetisch anmutendem Schwung-unternommen wird:

Ernst Sandvoss: "Hitler und Nietzsche. Eine bewußtseinsgeschichtliche Studie"; Musterschmidt-Verlag, Göttingen 1969; 208 S., 30,– DM.

Bewußtseinsgeschichtlich analysiert denn Sandvoss die "Tragödie des Geistes", die sich "hinter der politischen Katastrophe Deutschlands verbirgt" und "deren Krankheitsbild sich vielleicht am deutlichsten im Bewußtseins- und Persönlichkeitszerfall Nietzsches abgezeichnet hat". Hier die verbrecherische Tat Hitlers, des größenwahnsinnigen Politikers, und dort die Philosophie eines. Mannes, dessen Geist "gleichsam die unheilvollen Tendenzen von Jahrzehnten und Jahrhunderten (bündelte), potenzierte ... und ... ihnen, mit der Magie seiner Sprache, eine nie dagewesene Durchschlagskraft (verlieh)". Und der schließlich auch in Wahnsinn verfiel.

Aber "selbstverständlich beschränken sich die Symptome jenes unheimlichen Vorgangs nicht auf Nietzsche", in dem der Verfasser nur den "Exponenten einer geistigen Krankheit (sieht), die sich bis in die Antike zurückverfolgen läßt". Denn "im Anfang steht, im Leben des einzelnen wie in dem der Gesellschaft, eine fast unmerkliche Änderung der Grundeinstellung auf religiösem Gebiet. Der Mensch verdrängt den Glauben an Gott aus seiner Seele und erklärt sich selbst zum Maß aller Dinge." Und am Ende? "Am Ende zeigt sich, ohne Maske, ebenso brutal wie angstverzerrt, die Bestie Ich, das Restprodukt einer dem radikal Bösen verfallenen Menschennatur."

So kurz und bündig wird der Leser auf der ersten Seite ins Problem eingeführt und erfährt sonder Zweifel, was auf den über zweihundert Seiten erst bewiesen werden soll. Nämlich: "Nietzsches und Hitlers Auflehnung gegen eine mit der Natur und göttlicher Autorität übereinstimmende Weltbewegung, gegen millionenfach bewährte Denkweisen, Ideen, Werte konnte nur eine Menschheitskatastrophe zur Folge haben."

Es lohnte sich nicht, auf derartige, gelinde gesagt, Pauschalthesen einzugehen, wenn nicht auch, sonst in der zeithistorischen Literatur eine gewisse Vorliebe für monokausale Erklärungsversuche zu beobachten wäre. Gewiß, Sandvoss hat mit Bienenfleiß eine Fülle von Zitaten bei Nietzsche und bei antiken Philosophen gesammelt, die aufs Haar den Hitlerschen Reden gleichen und auf seine Taten passen, derart, daß einem die Gänsehaut über den Rücken fährt. Aber erschöpft sich damit die Sophistik. erschöpft sich damit vor allem Nietzsche, man mag stehen zu ihm, wie man will? Immerhin gibt es das Nietzsche-Buch von Karl Jaspers und das Löwithsche Buch über die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts, von den vielen Schriftstellern und Philosophen gar nicht erst zu reden, die sich diesem vielschichtigen, mehrdeutigen Nietzsche verpflichtet fühlen und doch von Hitler ermordet oder in die Emigration gezwungen wurden.