Obwohl die Kampftätigkeit in Vietnam bei Wochenbeginn wieder stärker aufflammte – 159 US-Stützpunkte wurden am Montag mit Raketen und Mörsern überfallen, über Saigon rollte eine neue Terrorwelle hinweg –, hat auch die Suche nach einer Lösung des Konflikts neue Impulse erhalten. Die Nationale Befreiungsfront (NLF) präsentierte einen Zehn-Punkte-Friedensplan, der nicht nur in Washington, sondern auch in Saigon verhalten positiv bewertet wurde.

US-Präsident Nixon konsultierte die Vietnam-Berater des Weißen Hauses in seinem Urlaubsort Key Biscayne, mit denen er auch seine Fernsehrede über die Friedensaussichten in Südostasien vorbereitete. Der amerikanische Oberbefehlshaber in Vietnam, General Abrams, traf zu einem Blitzbesuch in der amerikanischen Hauptstadt ein. Außenminister Rogers startete zu einer zweiwöchigen Asienreise, auf der er Vorschläge der Kommunisten zusammen mit Südvietnam und den anderen fernöstlichen Verbündeten prüfen wird.

Der "Außenminister" der Befreiungsfront, Tran Buu Kiem, hatte sein Verhandlungspaket am Donnerstag voriger Woche auf der 16. Vollsitzung der Pariser Vietnam-Konferenz präsentiert. Inhalt:

  • Die Unabhängigkeit, Souveränität, Einheit und territoriale Integrität Vietnams müssen gemäß dem Genfer Abkommen von 1964 respektiert werden.
  • Die Amerikaner haben bedingungslos und restlos aus Südvietnam abzuziehen, alle Stützpunkte aufzulösen und alle Beschränkungen der südvietnamesischen Souveränität zu widerrufen.
  • Die Frage der bewaffneten vietnamesischen Streitkräfte in Südvietnam sollte durch die vietnamesischen Parteien selbst gelöst werden.
  • Das südvietnamesische Volk sollte seine Probleme allein und ohne fremde Einmischung lösen, die Entscheidung über die Regierungsform sollte durch freie Wahlen mit dem Ziel einer Koalitionsregierung fallen, die die Eintracht der Nation und die Einheit der Klassen widerspiegelt.
  • Zwischen Friedensschluß und Wahlen darf keine Partei ihr politisches System dem südvietnamesischen Volk aufzwingen.
  • Südvietnam soll eine Außenpolitik des Friedens und der Neutralität betreiben.
  • Die schrittweise und friedliche Wiedervereinigung Vietnams erfolgt durch Abmachungen zwischen beiden Zonen ohne fremde Einmischung.
  • Gemäß Genfer Abkommen von 1954 über die Wiedervereinigung Vietnams nehmen beide Seiten davon Abstand, fremden Militärbündnissen beizutreten.
  • Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen finden statt.
  • Über die internationale Überwachung des amerikanischen Abzugs und ihrer Verbündeten sollten die Parteien ein Abkommen erzielen.

Manche Passagen des Friedensplanes, der bislang nicht im Wortlaut publiziert wurde, sind verschwommen und verklausuliert formuliert. Washington reagierte daher vorsichtig. Rogers: "Das Programm enthält einige völlig unannehmbare Vorschlage, doch gibt es auch Elemente in ihm, die eine Möglichkeit für Sondierungen bieten mögen." Die Regierung in Saigon gab sich bemerkenswert konziliant und zeigte sich ebenfalls bereit, mit der NLF Gespräche über die letzten drei Punkte des Planes anzuknüpfen. Ein Mitglied der südvietnamesischen Delegation in Paris meinte: "Ich glaube, daß wir die wirklich substantielle Phase dieser Konferenz erreicht haben."