Von Dietrich Strothmann

Stuttgart, im Mai

Es war am Killesberg, im Monat Mai: Adolf von Thadden war auch dabei. Aber der Mann, der mit dem "Bundeswahlkongreß" seiner Nationaldemokratischen Partei Deutschlands zum Sturmlauf gegen die Festung Bonn ansetzen wollte, ermangelte der Pose des strahlenden Führers.

Wenn er durch die Reihen seiner gläubigen Mannen schritt, wenn sie ihm stehend zuklatschten, wenn er vom Podium aus, schwitzend und mit knarrender Stimme, rhetorische Geißeln schwang – dann lebte er auf. Doch später, am Abend im Hotel, im Kreis seiner engsten Getreuen, wirkte er abgespannt, müde, wie geschlagen. Dann stiegen wohl auch Zweifel in ihm auf, wie er die Schlacht durchstehen soll.

Des Sieges ist er sich gewiß, sicher des Platzes im nächsten Bundestag. Aber der Gang dahin wird ihm schwer werden – im ständigen. Kampf nicht nur gegen eierwerfende Demonstranten, gegen "Nazi-raus"-Chöre. Ihn entmutigten weit mehr die fortgesetzten Querelen um Versammlungssäle. Adolf von Thadden, der Wahlkämpfer, verbraucht sich in der Rolle des Hallenkämpfers. Es gibt Augenblicke – wie nach seinem Auftritt in Stuttgart –, da seine Selbstironie in Verzagtheit umschlägt. Zuweilen wirkt der Anführer der "nationalen Deutschen", sobald er seine Pflichtpredigt über "Gesundheit" und "Seele" gehalten hat, wie "verunsichert".

Daran hatte nun nicht etwa das Häuflein der Antifaschisten schuld, das am Wochenende vor der Halle 14 auf dem Stuttgarter Killesberg die NPD Mores lehren wollte. Die Demonstranten stachelten mit ihren Eiern, Tomaten, Frühstücksbroten und "Sieg-Heil"-Rufen den Kampfgeist der Kämpfer für "Sicherheit, Recht und Ordnung" nur an. Jene unter den rund 200 NPD-Ordnern, die von den Wurfgeschossen der APO-Jungschar tatsächlich getroffen worden waren, trugen die Flecken an Jacketts und Hosen wie Mensurblessuren zur Schau. Einige verspürten nicht übel Lust, es den "roten Terroristen" einmal zu geben. Einige von ihnen streiften, Stunden nach dem ersten Kongreßtag, ihre weißen Armbinden ab, mischten sich unter die Protestanten und schlugen kurzerhand zu.

Das alles vermochte Adolf von Thadden nicht melancholisch zu stimmen. Ihn bedrückt der Gedanke an die nächsten Monate: an den Wahlkampf, den Kampf um die Hallen, das zermürbende, lähmende Tauziehen vor den Gerichten um die Erlaubnis, daß er da reden darf, wo er will. Das kostet Energie und Nerven. Daß er auf diese Weise einen erklecklichen Teil seiner Kampfkosten aus städtischen Mitteln frei Haus erhält, stimmt ihn auch nicht zufrieden. Er gewinnt zwar alle Hallenprozesse, sein Selbstvertrauen indessen nimmt Schaden. Den Auftakt seines Feldzuges um die Gunst des deutschen Wählers hatte er sich anders vorgestellt.