Auch nach dem Rücktritt de Gaulles wird sich an der Europa-Politik der Gaullisten vorerst nichts ändern: Auf dem Treffen der EWG-Außenminister in Luxemburg erklärte der französische Premierminister Debré bei Wochenbeginn, seine Regierung werde von ihrer bisherigen Haltung nicht abgeben. Sie sei nach wie vor der Ansicht, daß die Gemeinschaft vor einer Erweiterung zunächst innerlich voll entwickelt sein müsse. Die Minister einigten sich auf ein Arbeitsprogramm für den Rest des Jahres. Dann läuft die zwölfjährige Cbergangsfrist des EWG-Vertrages aus.

In Brüssel wird mit ernsthaften Gesprächen über eine Erweiterung der Gemeinschaft nicht vor dem Herbst gerechnet. Die europäische Szene könnte freilich stark in Bewegung geraten, wenn der französische Staatspräsident dann Alain Poher hieße.

Der ehemalige Senatspräsident, der seit dem Rücktritt de Gaulles interimistisch als Staatsoberhaupt fungiert, hat am Montag offiziell bekanntgegeben, er werde bei der Wahl am 1. Juni für das höchste Staatsamt kandidieren. Jüngste Meinungsumfragen belegen, daß 42 Prozent der Franzosen für den bisherigen Favoriten und gaullistischen Repräsentanten, Ex-Premier Pompidou, 35 Prozent für Poher, elf Prozent für den Kandidaten der Linksparteien, Defferre, zehn Prozent für den Kommunisten Duclos und zwei Prozent für den Linkssozialisten Rocard stimmen wollen. Damit würde Pompidou im ersten Durchgang nicht die vorgeschriebene absolute Mehrheit gewinnen. Das demokratische Zentrum, aber auch Sozialisten und andere Antigaullisten könnten Poher zwei Wochen später im zweiten Wahlgang als Sammelkandidaten betrachten – und einen engagierten Europäer zum Präsidenten wählen.